R. H., Hamburg

Horchen Sie auf das Tuten der Schiffe im Hafen, fahren Sie mit Werftarbeitern nach Tollerort oder zum Atabaskahöft, gehen Sie über die Reeperbahn, sehen Sie neben den beiden Negern in das Schaufenster mit teuren billigen Uhren, gehen Sie in die Lokale, wo in Qualm und Lärm Geld verdient wird – dann haben Sie ein Stück St. Pauli – und einen Teil dessen, was das St. Pauli-Theater alles nicht ist. Da riecht es nicht nach Teer, sondern nach Mottenkugeln.

Die erste Darstellerin tritt auf, preist den Fortschritt der Flitspritze gegenüber den alten Mottenkugeln und stellt dabei Betrachtungen an, wie sie Tante Frieda auch zuweilen schon durch den Kopf gegangen sind. Und das erheitert Tante Frieda gewaltig.

Dann tritt der Star der Bühne auf, und der Gemeindebeifall braust los bei offener Szene. Dieser Applaus heißt ‚UNSERE Christa Siems’.

Die Sprache ist Plattdeutsch und dazwischen das platt-hochdeutsche Gemisch, das Messingsch heißt. In dieser ortsgebundenen Sprache wird gesagt und gespielt, was überall erlebt wird, wo Menschen wie diese leben. Sie lebten und dachten – so scheint es – nie anders als heute. Nur die Requisiten haben sich modernisiert.

"Die Catcher von St. Pauli", das ‚lustige Hamburger Zeitstück’, das augenblicklich auf der Reeperbahn zu sehen ist, bleibt auch fein beim alten. Es ist das neunzehnte vergnügte Stück des Autors Paul Möhring, das dieses Theater bringt. Möhring, als Leiter einer Volksschule vormittags mit der Erziehung von Kindern einer Zeit beschäftigt, in der sich einiges mehr geändert hat als die Art, wie man den Motten zu Leibe geht, schreibt im Nebenberuf diese spaßigen Stücke, mit denen er diejenigen unterhält, die es für das Vernünftigste halten, nach altnichtbewährter Art gemütlich weiterzumachen. Tante Frieda schiebt das letzte Erfrischungsstäbchen in den Mund und hört sich die Klage des Darstellers über die hohen Steuern an. "Von irgendwas müssen die Atombomben ja bezahlt werden", ist die Antwort.

"Och nee", sagt Tante Frieda, als sie zu Hause die Flamme aus der Asche befreit, "wie war das wieder mal schön; was haben wir gelacht."