EZ, Stockholm, im März

Wenn der Schnee im Süden schon seltener wird, gibt es noch eineMöglichkeit, ihm im Norden mit dem schwedischen "Zughotel" nachzufahren. Ein braungebrannter junger Reiseführer empfängt die Gäste auf dem Bahnhof von Östersund, einer Stadt in Mittelschweden.

Das Gepäck wird im Schlafwagenabteil verstaut. Die Ski kommen in den Ausrüstungswagen. Die Schlafwagen bestehen ausnahmslos aus Zweiter-Klasse-Abteilen, Wenn man am nächsten Morgen aufwacht und die Jalousien hochzieht, hängen von schwerer Schneelast gebeugte Tannenzweige direkt vor dem Fenster. Auf der anderen Zugseite sieht man die ebenmäßige, tiefverschneite Berglandschaft der Provinz Jämtland. Man könnte sie mit dem Harz oder Thüringen vergleichen, nur ist sie herber, gewaltiger.

Die "Hausmutter" kommt durch die Gänge und verkündet, daß man sich in Storlien an der norwegischen Grenze befindet und das Frühstück auf die Langschläfer wartet. Es ist halb neun. Im Speisewagen stellt man überrascht fest, wie früh manche Menschen im Urlaub aufzustehen vermögen. Die ganze "Familie" ist schon versammelt: Schwedinnen, Norweger, Engländerinnen, ein Amerikaner und zwei Deutsche.

Die ersten Skitouren sind für den Ungeübten aus der deutschen Großstadt ein kühnes Abenteuer. Ein besonderes Erlebnis, das sich durch ein dumpfes Grollen ankündigt, ist die Begegnung mit den Tännfors-Wasserfällen, die noch nicht, wie heute auch die gerühmten Trollhätta-Fälle, durch unterirdische Turbinenkanäle gesteuert werden. Die riesigen, 40 Meter hohen Kristallsäulen des im Sturz erstarrten Wassers gleichen der Vorderfront des Palastes einer Eisgöttin. Nur in der Mitte der breiten Front hat sich die Kraft der beweglichen Massen gegen die Umklammerung des Eises behauptet. Brodelnd zischt es wie aus einer Düse ins Freie, stürzt ab und ist beim Aufprall schon zu Eis geworden.

Im Zughotel wartet indes der dampfende Badewagen. Und wer abends noch frisch ist, findet sich im Unterhaltungswagen und Tanzsaal ein, wo die Ferienreisenden aller Nationalitäten schnell Kontakt miteinander finden. Wenn am nächsten Morgen der Schnee allzu verharscht ist, weil die Sonne es am Vortage zu gut gemeint hat, zeigt sich erst, was die schwedischen Staatsbahnen können. Obwohl der Reiseplan noch einen Tag in Storlien vorsieht, entflieht das Zughotel dem schlechten Schnee und fährt in das höher gelegene Are hinauf, wo über Nacht Neuschnee gefallen ist. Ein paar Telephongespräche haben genügt, um diese Änderung im Fahrplan vorzunehmen. Das Dorf Are ist durch die Skiweltmeisterschaften vor zwei Jahren vielen ein Begriff geworden. Es kann sich mit jedem kontinentalen Wintersportort messen, wenn man die sportliche Seite und nicht das mondäne Treiben meint.

Nach einer Woche trennt sich die Reisegesellschaft des "Zugheimes", wie sie, wörtlich übersetzt in Schweden genannt werden. Die schwedischer Staatsbahnen betreiben sie in Zusammenarbeit mit dem Touristenverein seit dreißig Jahren. Im letzter Jahr wurden für die Sommersaison vier für deutsche Reisende besonders günstige Zughotels eingesetzt. Sie starten oder enden im Süden des Landes eines direkt bei der Travemünder Fähre in Trelleborg.

So verbinden die "Hotels auf Rädern" die Wünsche der Fremden, möglichst viel von einem anderen Land zu erleben, dabei nicht nur immer die Koffer aus- und einpacken zu müssen und obendrein verhältnismäßig wenig Geld auszugeben. Eine Woche im mittelschwedischen Wintersportgebiet kostet mit allen Fahrten ab östersund, mit Führungen und Ausflügen 122 DM. Für die Reisen zum Abfahrtsort des Hotels gewährt die Staatsbahn erhebliche Preisnachlässe. Leuten, die vom Skilaufen nicht genug bekommen können, bietet das Zughotel die Möglichkeit, bis in den Mai hinein dem besten Schnee "nachzufahren".