Stuttgart, im März

Der Korrespondent der Londoner "Times", einer der zahlreichen Beobachter der "Testwahlen" in Baden-Württemberg, schüttelte bewundernd sein Haupt, als sich in der Wahlnacht das Ergebnis abzuzeichnen begann: "Die Leute scheinen ihren Kopf von der Bonner Luft frei gehalten zu haben."

Für die von außen kommenden Beobachter bot sich als erstaunlichstes Fazit dieser Landtagswahlen die Tatsache, daß FDP und BHE von den Bonner Stürmen ungezaust blieben. Dies Erstaunen läßt nach, wenn man erfährt, daß die Liberalen zumindest in Nordwürttemberg und Nordbaden auf eine traditionelle Wählerschaft zählen können. Es sind nicht – wie oft anderwärts – die Intellektuellen, die der FDP im Südwesten eine dauernde Chance bieten. Die mittleren Beamten, die Handwerker, die Geschäftsleute und die Weinbauern – der große Teil des Mittelstandes also – fühlt sich bei der FDP, die hierzulande immer noch den heimeligeren Namen "Demokratische Volkspartei" mitführt, am besten aufgehoben. An dieser, in manchen Fällen vererbten Treue vermochten auch die Düsseldorfer Krise und die Parteispaltung in Bonn, die beide wenig Beifall fanden, nichts auszurichten. Wenigstens nichts Wesentliches. Die Liberalen, die 1952 mit 491 711 Stimmen bei einer 64prozentigen Wahlbeteiligung gut abschnitten, erreichten jetzt bei einer 71prozentigen Wahlbeteiligung 541 232 Stimmen. Sie haben also keine Wähler verloren.

Nur der Landesvorsitzende, Dr. Wolfgang Haussmann, mußte eine Niederlage einstecken. In seinem Stuttgarter Wahlkreis, den alle Beobachter als sicheren FDP-Stützpunkt betrachtet hatten, wurde er von einem jungen CDU-Kandidaten geschlagen und von seinem SPD-Mitbewerber sogar noch überflügelt; dem anderen liberalen Kämpen, Reinhold Maier, der wochenlang um die Gunst seiner Wähler gebuhlt hatte, war das Glück holder. Mit knappem Vorsprung – vielleicht um ein geringes unterstützt durch Wahlscheine seiner Stuttgarter Freunde, die nach Waiblingen reisten – gewann er das Rennen. Wenn also ein FDP-Abgeordneter aus Baden-Württemberg Lust gehabt haben sollte, nach den Wahlen seine Partei zu verlassen, so ist ihm dazu jede Ermutigung genommen worden. Vermutlich wird dies die FDP-Treue anderer Landesverbände stärken,

Das Gesamtergebnis der Wahlen ist wie geschaffen für die üblichen Kommentare der Parteistrategen: jeder darf mit seinem Erfolg zufrieden sein. Die CDU konnte zwar ihre Rekordzahl von Zweitstimmen, die sie bei der Bundestagswahl 1953 erhielt, nicht wieder erreichen, aber ihren prozentuellen Anteil gegenüber den Landtagswahlen 1952 hat sie um sechs Prozent verbessert. Die SPD hat seit 1952, beinahe entsprechend der Bevölkerungszunahme, ihren Stimmenanteil verbessert, konnte aber auch diesmal den traditionellen Rahmen nicht sprengen. Mit der SPD haben auch die übrigen Parteien – FDP und BHE – eine mindest so konstante Anhängerschaft wie die CDU, die allerdings in den südlichen Teilen des Landes einfach nicht zu schlagen ist, deren Wähler aber je nach den Streitpunkten der Wahl zur Urne gehen oder lieber zu Hause bleiben.

Abgesehen von diesen durchaus beweisbaren Erfolgskommentaren hüllen sich die Politiker hinsichtlich der Regierungsbildung in sybellinisches Schweigen. Da keine Partei im Wahlkampf das Düsseldorfer Muster zur Übernahme empfahl und das Land kaum ohne die CDU mit ihrem starken Rückhalt im Süden regiert werden kann, bleiben eigentlich nur zwei praktische Möglichkeiten: Eine Wiederauflage der Allparteien-Koalition oder ein Zusammengehen von SPD und CDU. Zodel