Soll die Dichtersgattin steuerbegünstigt ins Kino gehen können? Diese Frage tauchte auf, als Walther von Hollander auf einer Aussprache mit Vertretern der hamburgischen Finanzverwaltung steuerbegünstigte Kinokarten für alle Dichterfrauen forderte. Denn – so meinte der Präsident der deutschen Schriftstellerverbände – der Autor braucht jemand, mit dem er über seine filmischen Erlebnisse reden kann, damit’s Erlebte schöpferisch verarbeitet wird. Nicht mehr gefragt wurde allerdings, ob auch die Freundin des Dichters "begünstigt" sein sollte, oder ob sie es nur sein sollte, wenn der Dichter nicht verheiratet, wenn dagegen verehelicht...

Genug: die Gelegenheit, bei der diese Frage auftauchte, war an sich ganz ernsthaft. Da saßen also die Autoren den Finanzbeamten in Hamburgs Künstlerlokal "die insel" gegenüber und wetterten gegen die Steuern. Bis er vierzig wird, muß der Autor hungern, sagten die Dichter, und was er dann verdient, langt nach Abzug der Schulden nicht für eine Altersversorgung. Hier muß der Staat eingreifen und "Dichter des Volkes" durch eine "Ausnahmegesetzgebung" unter die Arme greifen, damit Fälle wie Flake, der Arbeitslosenunterstützung empfängt, und Döblin, der beinahe verhungert, unmöglich sind.

Leider vergaßen die Autoren das Rezept zu erwähnen, nach dem "Dichter des Volkes" gekürt werden sollen. Soll etwa Herr von Hollander die Wahl vornehmen, sollen sich die sieben deutschen Autorenverbände gemeinsam treffen oder soll es nach altem Satellitenmuster gar ein Minister tun? Von Hollander vergaß auch, daß Schriftsteller wie Flake und Döblin nicht darben, weil ihnen der Fiskus den letzten Pfennig nimmt, sondern weil ihre Bücher nach 1945 einfach nicht mehr gelesen wurden.

Besser als die Argumente der Schriftsteller waren schon die facts, die der von den Autoren zur Verstärkung mitgebrachte Steuerberater Schillinger und der Verleger Sikorski anführten. Rund 4000 hauptberufliche Autoren gibt es in der Bundesrepublik, sagte Schillinger. Ein Drittel davon hat ein monatliches Einkommen unter hundert Mark. Ein paar Hundert erreichen das Gehalt eines Volksschullehrers, und etwa ein Dutzend kommt im Jahr auf eine sechsstellige Summe. Mit Recht behauptete Schillinger weiter, die Steuergesetzgebung des Bundes fördere den Dilettantismus, denn wer nebenberuflich als Schriftsteller tätig ist, braucht nur den halben Steuersatz zu zahlen, während wer von seinem Künstlerberuf ausschließlich lebt, voll veranschlagt wird.

Es ist klar, daß die Benachteiligung des freien Künstlers die Rückkehr der besten Kräfte verhindert oder zur Auswanderung führt. Zuckmayer, Hesse und Bergengruen sind dafür beredte Beispiele. – Sikorskis Vorschlag, Spitzeneinkommen bei der Steuererfassung über mehrere Jahre zu verteilen, muß man voll und ganz befürworten. Es ist Unrecht, einen Künstler, der alle fünf Jahre vielleicht nicht einmal ein großes, gewinnbringendes Werk schafft – bei Orff dauerte es sogar 25 Jahre, bis "Carmina burana" in New York ein Erfolg wurde – genauso zu besteuern wie einen Kaufmann, bei dem sich Verlust und Gewinn schon innerhalb eines Jahres ausgleichen. Hier sollte man sich ein Beispiel an Amerika nehmen, das den mehrjährigen steuerlichen Durchschnitt bereits seit langem praktiziert und das auch das Einkommen der Gattin separat versteuern läßt.

Mehr Einsicht kann der Künstler auch vom Fiskus beim Verbuchen seiner Reisekosten verlangen. Jedem Menschen, der einen musischen Beruf ausübt, müßte eine Reise pro Jahr steuerfrei gelassen werden, gleichgültig, ob sie sich in einer Arbeit niederschlägt oder nicht. Das Dilemma besteht hierbei nicht so sehr darin, daß es überhaupt nicht, sondern daß es nicht generell getan wird. Es kommt vor, daß sich das Finanzamt in einem Stadtteil großzügig zeigt, während es in einem anderen strikt nach dem Effekt der Reise fragt.

Der wundeste Punkt in dem Verhältnis Fiskus – freischaffender Künstler ist jedoch die Frage der Altersversorgung. Wenn schon die schöpferische Leistung im ganzen nicht von der Umsatzsteuer befreit werden kann, dann sollte wenigstens das Vermögen, von dem der Künstler in seinem Alter leben will, davon verschont bleiben. In zahlreichen Fällen ist es tatsächlich so, daß sich der Erfolg erst mit vierzig einstellt und daß bis dahin für eine Altersversorgung nicht gezahlt werden konnte. Die ungewisse Zukunft dieser Menschen ist nicht wegzudiskutieren. Man sollte ihr deshalb etwas von ihrer Schwere nehmen, indem man die Vermögensbildung fördert, die der Altersversorgung dient. Es soll nicht dem festbesoldeten Kulturbeamten, dem ein sorgenloser Lebensabend winkt, das Wort geredet werden, aber auch nicht dem klappernden Dachkammerpoeten, der sich nach der Weise "Wer nie sein Brot mit Tränen aß" die Unsterblichkeit ersingt. In unserer überaus materiell eingestellten Zeit muß vom Steuerwesen her ein Weg gefunden werden, der das Risiko des Künstlers verringert, ihm aber trotzdem nicht den Adel seines Berufs, die unumschränkte Freiheit, raubt.

Die Vertreter der Finanzverwaltung mußten bei der Hamburger Aussprache notgedrungen ins Hintertreffen geraten. Die Lösung der Probleme, die hier angeschnitten wurden, überstieg ohne Zweifel die Kompetenzen einer Lokalbehörde. So blieb den Beamten denn auch nichts anderes übrig, als die klageführende Partei an ein höheres Gremium, in diesem Fall an den Bundestag, zu verweisen. Die verbitterten Musensöhne mußten sich also wieder einmal in ihr Los schicken und hatten wenig Hoffnung, daß ihre Resolution der richtigen Instanz zu Gehör kommt. Immerhin konnten die Abgesandten des Fiskus ihnen zum Abschied verkünden, daß alle steuerpflichtigen Schriftsteller rückwirkend für 1955 eine Betriebskostenpauschale von 3600 DM jährlich (gegenüber bisher 2400 DM) ohne Einzelnachweis in Anspruch nehmen können. Und das ist ja ein ganz beträchtlicher Fortschritt (erzielt freilich nicht durch Bemühung der Schriftsteller, sondern des Deutschen Journalistenverbandes). Ob allerdings bei der neuen Pauschale auch die Ausgaben für die Kinokarten Frau von Hollander in Anschlag kommen, möchten wir stark bezweifeln. Günther Specovius