W. E., Köln

Ach, vernichten Sie alles!“ sagte der Provinzialversicherungsgeneraldirektor Hans Goebbels in einem Zimmer der Lungenheilstätte Hosterhausen zu der Schwesteroberin Coelesta, als sie ihn fragte, was mit den Bronzebüsten von Hitler und den Bruder des Generaldirektors, Joseph Goebbels, geschehen solle. Es war im letzten Kriegsjahr. Wäre in diesem Augenblick nicht Frau Hildegard Bendels, die Nichte der Oberschwester, hinzugetreten – und hätte diese Nichte nicht sofort erkannt, daß hier etwas „zu erben“ war –, dann gäbe es heute kein Verfahren vor dem Kölner Landgericht.

An der Tür zum Gerichtssaal ist ein weißer Zettel angeschlagen, auf dem zu lesen steht: „Genoud ./. 1. Verlag ‚Wort und Werk‘, 2. Bendels“. Es geht um den Nachlaß des Joseph Goebbels. Der besteht aus einem Doktordiplom, der handschriftlichen Doktorarbeit über den Kulturphilosophen Wilhelm v. Schütz, Schulheften, Zeugnissen, Telegrammen, einem Testament vom 1. Oktober 1920, „Führerbildern“ mit handschriftlicher Widmung, vielen Briefen, Lyrik mit Titeln wie „Die die Sonne lieben“ oder „Bei Nacht“, einem handgeschriebenen Drama „Heinrich Kämpfert“, einem Roman in Tagebuchblättern, Aufsätzen über „Theodor Storm als Lyriker“ und über den Krieg.

Dieser Nachlaß befindet sich im Besitz der Frau Hildegard Bendels. Ist sie die Eigentümerin der Dokumente? Darum geht es in Köln. Um nichts davon in die Hände der Alliierten fallen zu lassen, packte Frau Bendels den Karton mit dem Goebbels-Nachlaß in einen Panzerschrank ihres Onkels in der nahegelegenen Pfarre St. Camillus, wo er auch nicht entdeckt wurde. Joseph Goebbels hatte sich inzwischen umgebracht; Hans Goebbels starb im Internierungslager Katzenellenbogen, und damit war die Angelegenheit eigentlich erledigt.

Nicht für die geschäftstüchtige Frau Bendels. Die ging zunächst einmal vorsichtshalber zu der Mutter von Goebbels, um ihr den Inhalt des Kartons anzubieten. Hätte Katharina Goebbels ihn genommen, gäbe es jetzt ebenfalls keinen Prozeß. Aber Frau Goebbels hatte an ihrem verteufelten Sohn nicht viel Freude erlebt. An ihn noch durch einen schriftlichen Nachlaß erinnert zu werden, das war ihr zuwider. „Ich will nichts mehr davon sehen. Ich habe zu viel Leid erlebt!“ sagte sie und verzichtete.

Jetzt hätte Frau Bendels ihren Karton meistbietend versteigern können. Hätte – aber beim Gericht in Berlin wurde die Sache ruchbar. Ein Mann, der früher selber als Fachmann für Urheberrecht im Propagandaministerium saß, wurde als Nachlaßverwalter bestellt. Nun kam der Stein ins Rollen. Der Anwalt legt eine Liste der Dokumente an und sprach das Veröffentlichungsrecht einem Schweizer Verleger, François Genoud, zu, der sich dafür bereit erklärte, die Hälfte aller Einnahmen an den „Nachlaß“ abzuliefern.

Aber François Genoud hatte die Dokumente ja gar nicht, konnte sie also auch nicht veröffentlichen. Darum will er sie jetzt von Frau Bendels haben. Und die sagt mit größter Entschiedenheit „nein!“ Denn sie hat den Pappkartoninhalt inzwischen als vorläufige Sicherheitsdeckung für ein Darlehen dem Kölner Verlag ‚Wort und Werk‘ gegeben. Es ist ihr unbegreiflich, warum sie ihr Eigentum entschädigungslos an einen wildfremden Mann abgeben sollte.

Nun verklagt Herr Genoud sie und den Kölner Verlag. Scheinbar verspricht er sich von den Einnahmen aus den Veröffentlichungen nicht viel. Denn den Wert der Urkunden beziffert er nur mit bescheidenen 6100 DM. Bekanntlich sind die Prozeßkosten vom Streitwert abhängig. Vielleicht hat das Herr Genoud gewußt.

Inzwischen hat sich nun auch noch das Bundesarchiv eingeschaltet. Zwei Mikrofilme von den Dokumenten hat es anfertigen lassen und das Testament sowie ein Gedicht übernommen. Es hat auch Vertreter als Beobachter in den Gerichtssaal entsandt. Vom Standpunkt der Geschichtswissenschaft werden sie kaum auf ihre Kosten kommen. Denn die interessantesten Dokumente, Goebbels’ Tagebuchblätter aus den entscheidenden Jahren, verschimmeln in den Antiquariaten.

Am 27. März soll es sich entscheiden, wer den Nachlaß behalten darf. Vorläufig ist er im Safe einer Kölner Bank untergebracht. Aber selbst die dicken Panzerplatten eines Safes werden uns vermutlich nicht davor bewahren können, daß aus den Geistern von gestern heute noch einmal eine Sensation gemacht wird.