Alle Einwohner Algeriens erinnern sich noch des eigenartigen Wahlkampfes der Novembertage des Jahres 1946. Geheimnisvolle Stimmen flüsterten den einfachen und abergläubigen Fellaghas zu: "Wenn du uns nicht wählst, so wird der Fluch Allahs dich und die Deinen treffen." Und da Algerier nicht gern den Unwillen Allahs herausfordern, schickte die Partei Messali Hadjs fünf Abgeordnete nach Paris.

Diese kurze Geschichte zeigt deutlich die Methoden der alten Garde der algerischen Nationalisten. Messali Hadj schwankte zeitlebens zwischen den Praktiken der Kommunisten, denen er in seiner Jugend nahestand, und den Wegen der Mystiker, zu denen ihn sein Glauben zieht. Die Mystik ist wohl daran schuld, daß er heute von jüngeren, realistischer eingestellten, aber auch gefährlicheren Leuten überrumpelt wird. Die zahlreichen Jahre, die er, wie alle anderen nordafrikanischen Nationalisten, hinter Kerkermauern oder in Zwangsresidenzen verbrachte, nahmen ihm die Möglichkeit, seiner Partei – dem "Verein der Kämpfer für demokratische Freiheit" – die notwendige Durchschlagskraft zu geben. Die Partei besteht aber und damit auch die Frage: Was bedeutet Messali dem algerischen Volke noch?

Auf diese Frage zu antworten wäre einfacher, wenn der alte Mystiker sich in Afrika befände, statt im Zwangsexil in Frankreich. Andere Nationalistenführer haben den abendländischen Lebensstil angenommen. Messali Hadj blieb auch in Frankreich ein Muselman.

Ein Kind armer Arbeiter, selbst Tagelöhner, wurde er nach dem ersten Weltkrieg als Unteroffizier in Bordeaux entlassen. Er verdiente sich sein Brot als Schwarzarbeiter bei Renault, wo er auch die Gewerkschaft kennenlernte und mit den Linkskreisen liebäugelte. Ein Resultat dieses Flirts war seine algerische Volkspartei, die er ins Leben rief, der aber nur eine kurze Existenz beschieden war – und die später im "Verband der Kämpfer für die demokratische Freiheit" aufging. Oft verhaftet und wieder entlassen, befand er sich auch bei Kriegsausbruch im Gefängnis. Er verweigerte Pétain den Gehorsam, wurde 1942 begnadigt, Ende 1944 wieder verhaftet. Von dieser letzten Haft kehrte er im Jahre 1946 heim. Bei seinem Besuch in Orleansville kam es zu schweren Unruhen. Ein Grund für die Franzosen, ihn wieder zu verhaften.

Sein Stern begann zu sinken. Der Parteikongreß von 1953 brachte eine Spaltung der Partei. Führer wurde der Parteisekretär Lahonel, der den Anschluß der Partei an die in den Bergen kämpfende Befreiungsarmee forderte. Messali Hadj fehlte im entscheidenden Zeitpunkt. Seine Mystik scheint nicht mehr zeitgemäß, und deswegen kämpfen auch viele Mitglieder der Partei Messalis mit dem Rebellenführer Ben Boulaid in den Bergen von Nemedoha.

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Für Frankreich gewann Ben Boulaid am 10. November letzten Jahres Bedeutung. An diesem Tage floh er aus dem Gefängnis, wo er einige Stunden später enthauptet werden sollte. Auf dem groben Tisch der kleinen Zelle hinterließ er ein Schreiben an den Präfekten von Constantine, in dem er erklärte, wie er entkommen war. "Es gibt zwei Arten von Gefangenen", schrieb Ben Boulaid, "die wahren Kämpfer der Freiheitsarmee, wie mich, und die anderen, die kleinen Mithelfer, im Grunde Unschuldige, die unter den Qualen der Steinigungen Geständnisse ablegen. Diese sollte man befreien, denn wir, wir können uns selber helfen."