Die kleinen Splitterparteien machen es wünschenswert, daß wir zum Mehrheitswahlrecht kommen. Natürlich wäre es ein Irrtum, anzunehmen, daß damit unsere Parteimisere aufhören würde. Aber wir würden dann in Bälde doch nur noch zwei Parteibürokratien mit ihren "Funktionären" haben, die davon leben, Gegensätze zu schaffen, zum mindesten aber zu behaupten. Die anderen würden für eine nützliche Arbeit frei werden.

Die wirklichen Meinungsverschiedenheiten und Interessengegensätze wären dann zunächst innerhalb der Regierungpartei und innerhalb ihrer Opposition, dann zwischen beiden auszutragen. Die Rücksicht auf die "inneren Flügel" beider Parteien würde vielleicht sogar die (partei-)politischen Sitten mildern. Schließlich blieben wir auch von einer "großen Koalition" verschont, die das Übel der Ämterpatronage, des "Proporzes", der Korruption und so weiter nur vermehren würde, weil dann niemand mehr laut genug Zetermordio schreien kann.

Alles dies erwogen und in kritischer Betrachtung der vielen Äußerungen zur Wahlfrage stimme ich für das Mehrheitswahlrecht. Ich bin aber zu skeptisch, als daß ich glauben könnte, damit würde alles Übel beseitigt – vielleicht wird es aber weniger. Wilhelm Sander, Goslar

Die unpolitischen Deutschen

Ich beantworte Ihre Rundfrage zugunsten des Mehrheitswahlrechtes, wobei ich mich meiner zehnjährigen Zugehörigkeit zum Reichstag der Weimarer Republik und meiner Tätigkeit als Staatssekretär während der Reichskanzlerschaft Dr. Stresemanns im Herbst 1923 erinnere, der gefährlichsten Krisenperiode zwischen 1920 und 1930. Zwei Behauptungen stelle ich voran. Die erste: Nicht die Wirtschaftskrise, die 1929 begann, sondern das Verhältniswahlrecht hat am wesentlichsten zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen. Die zweite: Die längere Beibehaltung des Verhältniswahlrechts würde neben gewissen Grundfehlern der Verfassung auch in Zukunft wieder zum Zusammenbruchunseres demokratischen Systems führen.

Zu den Darlegungen des Herrn Dr. Becker: Selbstverständlich ist der im Wahlkreis gewählte Abgeordnete schon deshalb in dem Sinne "eine bessere Persönlichkeit", als der auf der Liste gewählte, weil er politisch tüchtiger sein muß als der Listenmann, um in einem kleinen Wahlkreis, wo ihn jeder kennt und zu beurteilen vermag, mehr Stimmen zu erhalten als jeder seiner Konkurrenten. Daß bei der Verhältniswahl "bei allen Staatsbürgern stets das Interesse an der Politik rege bleibt, weil jede Stimme zum Zuge kommt", scheint mir eine völlig weltfremde Theorie zu sein. Wir haben doch jetzt Verhältniswahlen – und trotzdem stöhnt jeder öffentliche Sprecher über die weitgehende "politische Apathie". Ist das eigentlich Herrn Dr. Becker entgangen? Nein, gerade umgekehrt! Leider lehrt die Praxis in Deutschland, daß sich Demagogie oder sachliche Unkenntnis nur bei diesem System in wirklicher Breite entwickeln kann – und das bedeutet bei der Bedrohung unserer außenpolitischen Lage auf Jahre und Jahrzehnte hinaus allein schon die Gefahr einer neuen Katastrophe.

Ich halte nicht viel von Wahlrechtsvergleichen mit anderen Ländern, aber das möchte ich sagen: In Frankreich wäre in dieser Beziehung vieles möglich – die Deutschen behandeln solche Situation ganz anders, persönlicher, tiefgründiger, schwerer, plumper. Ich fürchte, auch unsere "Bonner Demokratie" geht stürmischen Zeiten entgegen, weil sich seit Goethe darin nichts geändert hat, daß wir zwar ein tüchtiges, aber reichlich "unpolitisches Volk" sind. Werner Freiherr von Rheinbaben,