Von Thilo Koch

Es genügt nicht, mit der falschen Partei zu sympathisieren, man muß auch fähig sein, deren höhnische Verachtung zu genießen – so könnte man Jean-Paul Sartres vieldeutiges Verhältnis mit den Kommunisten charakterisieren. Weniger boshaft, sehr viel einsichtiger, aber noch betrüblicher fällt das Urteil aus, wenn man einen dicken Roman über dieses Thema gelesen hat:

Simone de Beauvoir: Die Mandarins von Paris, Rowohlt-Verlag, Hamburg, 701 S., 19,80 DM. Aus dem Französischen von Ruth Uecker-Lutz und Fritz Montfort.)

Die interessante, für die "heimatlose Linke" Frankreichs exemplarische Persönlichkeit Sartres ist in diesem bereits viel diskutierten Buch (Prix Goncourt 1954) nur eine der Hauptfiguren und nicht einmal die aufregendste. Madame de Beauvoir ist mit Monsieur Sartre nahe verbunden; im Buch heißen beide anders, aber wie auch Arthur Koestler und Albert Camus unter anderem Namen unschwer zu identifizieren sind, erkannte "tout Paris" in dem Ober-Mandarin sofort seinen Chef-Existentialisten, und in der erzählenden Psychotherapeutin die streitbare Autorin von "Das andere Geschlecht" und "Amerika, Tag und Nacht".

Zum Sartreschen Existentialismus gehört eine tüchtige Portion Exhibitionismus, und so ist es wohl nur wackeres Handwerk, daß Madame mit der Genauigkeit Professor Kinseys ihre amourösen Abenteuer in Paris und Chicago schildert, zu denen ihr verschiedene Herren, nicht freilich der Herr Gemahl, verhelfen. Beider Tochter Nadine treibt es noch wahlloser und mit weit höherer Frequenz in aller Welt Bett, aber weder Mademosille noch Madame werden dabei froh.

Auch die Herren kommen über Kongestionen eigentlich nicht hinaus. "Camus" wird sogar in einen Meineid verstrickt – durch die Liaison mit einer Kollaborateurin –, so daß man, ganz ohne Prüderie, die Frage nicht unterdrücken kann, ob existentialistische Promiskuität eigentlich noch ein lockender Programmpunkt sein kann, wenn sie doch offenbar alle so traurig macht, den Griff zur Phiole so nahelegt. Oder sollte gerade das Existential Selbstmord und Ziel des anstrengenden Treibens sein?

Solche Tristesse aber paßt mitnichten zum politischen Existential Sartres, denn das ist fortschrittlich, menschheitsbeglückend, human ("L’existentialisme c’est un humanisme"). Hier hört auch für die Mandarine von der Rive Gauche die Komödie auf, und der Ernst, die Tragödie beginnt. Es ist dieser Aspekt des Buches, der moralisch-politische, der es zu einem Ereignis macht. "Minderheiten haben im Massenzeitalter jeden Einfluß, jede Bedeutung verloren", sagt Sartre bei der Beauvoir einmal, nachdem er als Parteiführer wie als Leitartikler scheiterte, und seine Frau sagt an anderer Stelle zu ihm: "Sie wünschen den Sieg des Kommunismus, obwohl Sie wissen, daß Sie in einer kommunistischen Welt nicht leben könnten." Von Koestler, dem Ex- und Antikommunisten, wird eine recht verächtliche Karikatur entworfen; er diene, heißt es, nur noch der Reaktion, dem amerikanischen Kapital, ja dem Faschismus. Wem aber dient Albert Camus, der eigentliche Held unter diesen Mandarinen?