Der Thomaskantor von Leipzig, Professor Günther Ramin-, dessen Tod durch eine Gehirnblutung die Zeitungen in der vorigen Woche meldeten, war mehr als ein großer Musiker und Dirigent. Er war Kamerad, Freund und Erzieher von einer großen Schar Jungen, die auch noch andere Dinge im Kopf hatten, als zur Ehre der Kunst und Gottes zu singen. Einer von diesen Thomanern war Claus-Dieter Schumann. Als Thomaner ist er nach dem Kriege mit seinem Chor und dessen Leiter durch Deutschland, Europa und Südamerika gereist. Was der heute Zwanzigjährige über den Menschen Günther Ramin sagt, mag deshalb noch mehr zu Herzen gehen als alle Nachrufe, die den Künstler würdigen.

Kein Thomaner wird je die Stunde vergessen, da er dem Thomaskantor Günther Ramin zum erstenmal mit Herzklopfen gegenüberstand, nämlich am Tag der Aufnahmeprüfung, wo er mit vielen anderen Bewerbern hoffte, einer der wenigen Glücklichen zu sein, die alljährlich in den Thomanerchor aufgenommen werden. An jedem der jährlichen Prüfungstage gab der wichtige und doch so bewegliche Mann mit dem großen Künstlerkopf, dem energischen Kinn, der hohen Stirn und den eleganten Händen eine Probe seiner scheinbar unerschöpflichen Energie und Ausdauer ab. Wohl an die fünfzig Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren ließ er sich an einem solchen Tage vorführen. Jedem, auch dem 42. und 50., brachte er die gleiche Aufmerksamkeit und das gleiche Interesse entgegen, half ihm geduldig, eine schwierige theoretische Frage zu lösen und tröstete ihn mit einem Scherz über einen begangenen Fehler. Selbst dem aussichtslosesten Bewerber widmete er dieselbe Zeit, gab ihm die gleiche Chance wie den anderen und wurde nie ungeduldig, obwohl man es ihm oft nicht hätte übelnehmen können.

Professor Dr. h. c. Ramin hatte sich trotz seines Ruhmes und der vielen Ehrungen, die ihm in aller Welt zuteil wurden, eine große Bescheidenheit bewahrt. Oft warteten wir vor der täglichen Nachmittagsprobe vor der Tür des Alumnats, bis er – per Rad – um die Ecke bog, wobei er sich weit nach rechts beugen mußte, um die Last der unter den linken Arm geklemmten schweren Partitur auszugleichen. Professor Ramin schätzte keine Beifallskundgebungen nach geistlichen Konzerten in weltlichen Räumen. Deshalb ließ er eine Zeitlang in den Programmheften das Publikum bitten, hiervon Abstand zu nehmen. Nie werde ich sein schmerzverzerrtes Gesicht vergessen, als mitten in die letzten Klänge des Schlußchorals der Johannespassion, wo Dirigent, Chor und Orchester unter letzter Aufbietung aller Kräfte dem Höhepunkt zustrebten, der jubelnde Applaus eines romanischen Publikums platzte ...

Professor Ramin kannte keine Rücksicht gegen sich selbst. Wollte er in stundenlangen Proben seine Solisten schonen, scheute er die zweifache Anstrengung nicht und sang dirigierend oft sämtliche Solopartien mit, oder deutete sie wenigstens an, um Chor und Orchester einen Gesamteindruck zu vermitteln.

Wir spürten seine Sangesfreude und wußten, daß er auch ein ausgezeichneter Sänger hätte werden können. In den sonntäglichen Gottesdiensten stand er meist vor seinem Chor, und seine gewaltige Stimme stand dann leitend über dem Gesang der Gemeinde. Obwohl er das Amt des Thomasorganistenseit langem nicht mehrbekleidete, kam es doch oft vor, daß er, kaum daß die letzten Klänge der eben dirigierten Motette verhallt waren, zur Orgelbank stürmte, um den Extroitus zu spielen. Ramin war ein Meister der Improvisation. Niemand dachte daran, während seines Spiels die Kirche zu verlassen, wie es eigentlich dem Sinn des Extroitus entspräche.

Alljährlich improvisierte er zur weihnachtlichen Christvesper über "Oh, du fröhliche". Jedesmal auf andere Art und Weise. Jedesmal mit derselben Hingabe und demselben Jubel.

Da Günther Ramin ja selbst Thomaner gewesen ist, war er auch weit über den musikalischen Rahmen hinaus mit dem Alumnatsleben verbunden, beobachtete das Zusammenwirken der einzelnen Stubengemeinschaften und besuchte sogar manchmal eine Lehrerkonferenz der Thomasschule, um sich aus erster Quelle über die Leistungen seiner Zöglinge in Mathematik und Latein zu informieren. Weihnachten, was nach alter Tradition gemeinsam mit großen, lange vorbereiteten Festlichkeiten begangen wird, verbrachte er immer mehrere Stunden unter seinen Thomanern. Dann wartete vor der Tür des Probensaales alles gespannt, bis er das Zeichen zur Bescherung gab, indem er auf dem Flügel Weihnachtslieder spielte.