Wie stark sind Indiens Kommunisten und was sind ihre Ziele? Diese Frage beschäftigt die Politiker des Westens nicht erst seit dem Indienbesuch Bulganins und Chruschtschows und seit den blutigen, von Kommunisten angezettelten Unruhen in Bombay (vergl. den Augenzeugenbericht "Der Mob herrscht in Bombay" in der ZEIT vom 26. Januar 1956, Nr. 4). Auch in Indien, wie fast überall in der Welt, sind Innen- und Außenpolitik eng ineinander verzahnt, so daß zum Verständnis der Außenpolitik Nehrus auch die Kenntnis seiner innenpolitischen Ziele und Probleme gehört. Das innenpolitische Kernproblem Indiens ist aber die Zerrissenheit des Landes in 27 Teilstaaten und Hunderte von sprachlichen, rassischen und nationalen Gruppen. Der Sprach-Patriotismus und der sich an der Sprache entzündende regionale Nationalismus haben Nehru vom ersten Tage seiner Regierung an schwer zu schaffen gemacht. Unser Indienkorrespondent schildert nachstehend die Schwierigkeiten, vor die sich Nehru heute gestellt sieht und die Wege, auf denen er zu einer Lösung kommen will.

Die über hundert Inder, die kürzlich bei den Unruhen in Bombay getötet wurden, sind Opfer einer "politischen Geisteskrankheit"; so jedenfalls bezeichnen die unabhängigen "Times of India" den Sprachenpatriotismus, der das größere gemeinsame Vaterland verrät, um der kleineren Gemeinschaft von Menschen der gleichen Sprache seine Treue zu beweisen. Dieses harte Urteil richtet sich nicht gegen das geschichtlich begründete Bewußtsein kultureller Eigenart, das die verschiedenen Volksgruppen auf dem indischen Subkontinent entwickelt haben; aber es verdammt die Ummünzung dieses Bewußtseins in einen engstirnigen Provinznationalismus.

Dieser oft bis zum Fanatismus gesteigerte Lokalnationalismus trat im unabhängigen Indien zum erstenmal in Erscheinung, als sich 1952 in Madras ein Führer der telugusprechenden Bevölkerung freiwillig zu Tode hungerte. Der freiwillige Fastentod war ein Protest gegen die indische Zentralregierung, die sich weigerte, für die 20 Millionen Telugus der Madrasprovinz (wo die tamilsprechende Bevölkerung die Mehrheit bildete) einen eigenen Staat zu schaffen. Der Tod des Teluguführers löste blutige Unruhen zwischen den beiden Sprachengruppen aus, und unter ihrem Eindruck entschloß sich die Zentralregierung schließlich widerstrebend, den Forderungen der Telugus nachzugeben und für sie die neue Provinz Andhra zu gründen.

Die Inder sprechen 700 Sprachen

Andhra wurde der 27. Teilstaat der Indischen Union, die in ihren Grenzen mehr verschiedene und unterschiedlichere Volksgruppen vereint, als das ganze geographische Europa. Auf dem Subkontinent werden über 700 verschiedene Sprachen und Mundarten gesprochen, davon 60 von Bevölkerungsgruppen, deren individuelle Stärke von 100 000 bis zu 140 Millionen Menschen reicht. Unter diesen 60 großen Sprachengemeinschaften dominieren wiederum 14, die von der indischen Verfassung besonders anerkannt werden, und die rund 90 Prozent der indischen Gesamtbevölkerung ausmachen. Das Schwergewicht liegt hier bei den indo-arischen Sprachen, die von 250 Millionen Indern gesprochen werden, vom Norden und bis herunter nach Zentralindien. Während zwischen diesen Sprachen gewisse Verständigungsmöglichkeiten bestehen, sind sie alle jedoch grundverschieden von den vier südindischen Sprachen drawidischen Ursprungs. Dem drawidischen Kulturkreis gehören rund 70 Millionen Inder an, die sich gegenüber den nordindischen Panjabis zum Beispiel nicht weniger differenzieren, als vergleichsweise die Schweden von den Italienern.

Die großen Sprachengemeinschaften, die alle ihre eigene Literatur entwickelt haben, sind kulturelle Einheiten, ähnlich den europäischen Nationen; aber ihnen fehlt die politische Tradition der europäischen Nationalstaaten. Die dynastischen Machtkämpfe indischer Fürsten haben auf die Kulturgrenzen ebensowenig Rücksicht genommen, wie die Staatsorganisation der fremden Eroberer. So sind denn im Laufe der mehrtausendjährigen indischen Geschichte die Sprachengemeinschaften oft willkürlich auseinandergerissen oder zusammengewürfelt worden, und Indiens politische Landkarte war schließlich – wie es Ministerpräsident Nehru einmal formulierte – nur noch "das Ergebnis historischer Zufälle und Unglücksfälle".

Das Gerippe schufen Engländer