P., Helsinki, im März

Als am 1. März Präsident Kekkonen sein Amt antrat, gab es in Finnland keine Regierung und es begann ein Generalstreik, der Industrie und Verkehr lahmlegte. Eisenbahnen, Straßenbahnen, Autobusse, Schiffahrt, ja sogar die finnischen Eisbrecher in der Ostsee – alles stellte den Dienst ein. Der Einzelhandel arbeitet jedoch weiter, ebenso Gaststätten, Theater und Kinos. Der Verkauf von Spirituosen aber wurde eingestellt. Gas, Elektrizität, Fernsprecher und Krankenpflege gehen in beschränktem Umfang weiter. Der Postverkehr aber liegt still.

Die Gegenmaßnahme war der Lieferstreik der Landwirte: Es wurden keine Lebensmittel mehr in die Städte und Dörfer geschickt, also keine Kartoffeln, keine Milch und Butter, kein Fleisch und keine Fleischwaren. Am Tag vor dem Streikausbruch wurden viele Läden leergekauft. Bis dahin hatte die Bevölkerung noch damit gerechnet, daß der Streik, der seit 14 Tagen angekündigt war, in letzter Minute beigelegt oder abgesagt werden würde. Milch wurde nur an Kinder gegeben. Im Verkehr geht allein der Flugverkehr weiter. Vorläufig...

Der Hintergrund ist eine vor einigen Wochen von der Landwirtschaft vorgenommene Erhöhung der Preise für Milch- und Milchprodukte. Die Gewerkschaften verlangten daraufhin, daß diese Preiserhöhung entweder bis zum 15. Februar rückgängig gemacht oder durch eine entsprechende Lohnerhöhung um zehn Prozent angeglichen wird. Man hatte seitdem viel verhandelt. Doch kam es weder zu einer Rücknahme der Preiserhöhung noch zu einer Bewilligung der Lohnforderung.

Die Arbeitgeber haben sich mit einer mäßigen Lohnerhöhung grundsätzlich einverstanden erklärt. Sie verlangen jedoch erstens, daß der Umfang der Lohnerhöhung nicht die Wirtschaftlichkeit der Produktion oder den Geldwert gefährden dürfe, zweitens, daß die Verhandlungen mit den Beratungen um ein Kollektivabkommen verbunden werden, drittens, daß die Streikdrohung zunächst aufgehoben wird, ehe man weiter verhandelt.

Die Agrarpartei ist zu mäßigen Lohnerhöhungen bereit, die den Geldwert nicht berühren dürfen. Die Landwirte drohen ihrerseits, jegliche Lohnerhöhung sofort mit einer neuen Preiserhöhung zu beantworten. Die Gewerkschaften bestehen ebenso hartnäckig auf ihren Forderungen, sind jedoch mit ihren Streikbestimmungen nicht so rigoros wie die Landwirte, sondern lassen wichtige Lebensmitteltransporte zu. Der Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Ausland stehen jedoch – selbst wenn beispielsweise schwedische Schiffe eingesetzt werden – vorläufig noch erhebliche Eishindernisse im Wege. Auch soll die Gas-, Strom- und Wasserversorgung weitergehen. Die Gewerkschaften dürften es schon deshalb nicht wagen, von ihren Forderungen merklich abzugehen, weil die Kommunisten auf der Lauer liegen, um jeden Prestigeverlust der Sozialdemokraten schleunigst auszuwerten.

Nachdem Staatspräsident Kekkonen nun das neue Kabinett unter Fagerholm – es ist wieder eine Koalitionsregierung – bestätigt hat, haben die Bauernverbände den Lieferstreik für Lebensmittel übrigens sofort beendet. In Finnland rechnet man damit, daß in den Geschäften Milch, Butter und Käse bald wieder ausreichend zu haben sein werden. Dies aber ändert nichts an der Tatsache, daß Helsinki eine Stadt der Fußgänger geworden ist, weil alle Verkehrsmittel stilliegen.