Mit der Wahl der Genossin Ekaterina Alexejewna Furzewa zu einem der sechs Kandidaten des Präsidiums im Zentralkomitee der KPdSU ist zum erstenmal in der Geschichte der Sowjetunion eine Frau Mitglied dieses höchsten Führungsgremiums geworden. Gleichzeitig wurde Ekaterina Furzewa auch in das von Chruschtschow geleitete, aus acht Mitgliedern bestehende Sekretariat des Zentralkomitees gewählt. Selten finden wir in der Sowjetunion Frauen in so hoher Stellung. Vergleichbar wären eigentlich nur drei: der weibliche Gesundheitsminister, die weibliche KP-Vorsitzende in der Tataren-Republik und die Historikerin Anna Pankratowa.

Chruschtschow hat anscheinend an der vitalen, energischen, klugen und begabten Kommunistin Gefallen gefunden. Sie war ihm schon 1929 aufgefallen, als er sein erstes kleines Parteiamt in Moskau übernahm. Damals besuchte die Zwanzigjährige dort die Technische Hochschule und promovierte zum Doktor der Chemie, widmete sich dann allerdings ganz der Parteiarbeit.

Als Chruschtschow aus der Ukraine, wo er nach dem Kriege im Auftrage Stalins eine "Säuerungsaktion" durchgeführt hatte, im Jahre 1949 zurückkehrte und wieder die Führung der Moskauer Parteiorganisation übernahm, hatte die Furzewa dort auf verschiedenen Funktionärsposten so erfolgreich gearbeitet, daß Chruschtschow sie in das von ihm geleitete Sekretariat des Stadtkomitees berief, wo sie sehr bald das Amt des 2. Sekretärs übernahm. Diesen Posten bekleidete sie, als sie auf dem XIX. Parteikongreß im Oktober 1952 zu einem der 111 Kandidaten des Zentralkomitees gewählt wurde.

Auf diesem Kongreß befaßte sie sich in einem gut formulierten und aufsehenerregend kritischen Referat mit den Mängeln in der Propagandaarbeit der Partei in Moskau. Sie schaute sich nicht, vor dem Parteikongreß über alles, was nach ihrer Ansicht verbesserungsbedürftig war, zu sprechen. "Wie kann man", so fragte sie in ihrer Kritik über Zustände an der Moskauer Technischen Hochschule, "überhaupt von Kritik und Selbstkritik im Physikalischen Institut Moskaus sprechen, wenn 102 Angestellte dieses Instituts miteinander verwandt sind, wobei einige unter der direkten Aufsicht ihrer Verwandten arbeiten?"

Diese furchtlose Kritik an bestehenden Übelständen und die Tatkraft, mit der sich Ekaterina Furzewa für ihre Beseitigung einsetzte, imponierten Chruschtschow. Als er in das Politbüro berufen wird, macht er Ekaterina Furzewa zu seinem Nachfolger als 1. Sekretär des Moskauer Stadtkomitèes. Die neue Chefin der Moskauer Parteiorganisation darf bald darauf als Mitglied jener zehnköpfigen Sowjetdelegation unter Führung von Chruschtschow und Bulganin im Oktober 1954 der Regierung der Chinesischen Volksrepublik einen Staatsbesuch abstatten. Aufgabe der Furzewa war es bei dieser Gelegenheit, einen engen Kontakt mit den Frauenorganisationen der chinesischen KP herzustellen, an deren Spitze die Witwe Sun Yat Sens steht.

Ein Beweis für die Anerkennung, die ihre Tätigkeit in der Moskauer Parteiorganisation fand, kann auch darin erblickt werden, daß sie am 1. Mai 1955 auf dem Roten Platz als bisher einzige Frau dem Vorbeimarsch der Truppen vor dem Verteidigungsminister Marschall Schukow auf der Tribüne beiwohnte, die den höchsten Führern des Staates und der Partei vorbehalten ist.

Moskaus 46jährige Parteiführerin ist mit dem Sowjetdiplomaten Nicolai P. Firjubin verheiratet. Auch Firjubin ist Kandidat des Zentralkomitees der KPdSU, wird also zur Parteielite gerechnet. Als der Posten des Botschafters in der Tschechoslowakei neu besetzt werden mußte, fiel die Wahl auf ihn. In Prag bewährte er sich so gut, daß ihm wenige Monate nach dem Canossa-Gang Bulganins und Chruschtschows nach Belgrad, der zu einer Aussöhnung zwischen Tito und dem Kreml führte, im August 1955 der wichtige und delikate Botschafterposten in der jugoslawischen Hauptstadt übertragen wurde.

Aus der Ehe mit Nicolai Firjubins hat Ekaterina Furzewa zwei Kinder, die in Moskau unter ihrer Obhut aufwachsen. Es heißt, sie sei trotz ihrer Parteiarbeit eine gute Hausfrau und Mutter. Dabei wirkt sie doch als ausgesprochen männlicher Typ. Kleidung und Haarschnitt verstärken noch diesen Eindruck. Nur auf offiziellen Ballen, wie zum Beispiel dem Ball im Kreml am Jahrestag der bolschewistischen Revolution, erscheint sie in eleganter großer Abendtoilette. Dann ist sie eine gute und anscheinend unermüdliche Tänzerin, die immer noch tanzt, wenn ihre männlichen Kollegen aus dem Präsidium des Zentralkomitees schon längst das Fest verlassen haben. Sie ist ja auch bei weitem die Jüngste in diesem Kreise. Ernst Krüger