Im Zuge der von den Alliierten angeordneten Entflechtung des alten IG-Farben-Konzerns sind die IG-Farben-Liquidationsanteilscheine entstanden, deren Nennwert insgesamt die Höhe des alten IG-Farben-Grundkapitals (1,360 Mrd. RM) hat. In ihnen sind alle Aktiven und Passiven des IG-Farben-Konzerns enthalten, soweit sie nicht von den entflochtenen Gesellschaften übernommen worden sind. Auf der Aktivseite stehen die Beteiligung von IG-Farben an den Chemischen Werken Hills, die Ansprüche auf das bislang noch beschlagnahmte Auslandsvermögen des IG-Konzerns, die Ansprüche auf das Vermögen in Mitteldeutschland (Leuna-Werke!) und das bis zum Zeitpunkt der Liquidation anfallende Barvermögen (darunter Verkaufserlös für das IG-Hochhaus in Frankfurt am Main). Unter den Passiven befinden sich Forderungen der jüdischen Organisationen, von denen einzelne Mitglieder Prozesse auf Entschädigung laufen haben, weil sie während des NS-Regimes gegen ihren Willen und bei ungenügender Entschädigung (meist keine) in den Werken des IG-Konzerns arbeiten mußten. Der Ausgang dieser Prozesse ist strittig, weil der IG-Konzern sich auf eine Art politischen Notstandes beruft und außerdem für die Arbeitskräfte Geld an den damaligen Staat abführen mußte. Der Streitpunkt wird sich wohl nur durch Vergleiche regeln lassen, über die seit geraumer Zeit verhandelt wird. Solange jedoch kein Ergebnis vorliegt, wird man schwerlich in der Liquidation fortfahren können, weil das jetzt vorhandene Vermögen als Sicherheit für die Befriedigung der Gläubiger dienen muß.

In den letzten beiden Wochen ist nun wieder Leben in das Liquis -Geschäft gekommen. Die Börsenumsätze lauteten über beträchtliche Summen. Versionen – ausgehend von der Schweiz – sprachen von einem Angebot der IG-Farben-Nachfolgegesellschaften, den Liquis-Inhabern, die bei voller Ausschüttung auf nom. 1000-RM-Anteilscheinen nom. 60-DM-Anteilscheine an den Chemischen Werken Hüls erhalten, die Hüls-Anteile gegen nom. 120-DM-Aktien der IG-Farben-Nachfolgegesellschaften abzunehmen. Kommt dieser Tausch zustande, dann bedeutet dies, daß etwa 24 bis 25 Punkte der IG-Farben-Liquis dadurch gedeckt sind. Mit 5 bis 6 Punkten ist dann das zu erwartende Barvermögen anzusetzen, so daß für das Auslandsvermögen und die Ostansprüche beim Kursstand von 38 v. H. der Liquis noch etwa 7 Punkte verbleiben. Gerade an diesen heute noch dubiosen Vermögensteilen hat sich die Phantasie der internationalen Spekulationen entzündet. Die Ostquote bleibt dabei eine völlig unbekannte Größe; ihren Wert kann heute niemand berechnen. Etwas exakter ist das vielleicht beim Auslandsvermögen möglich. In den USA werden noch 3 bis 4 Mill. DM zurückgehalten. Das ist nicht viel. Wird es jedoch freigegeben – und in den USA machen sich maßgebende Persönlichkeiten (darunter auch der New Yorker Börsenpräsident Funston) dafür stark – dann werden andere Länder mit der Freigabe der deutschen Vermögen folgen müssen.

Niemand darf sich darüber hinwegtäuschen, daß diese Dinge langsam reifen werden. Auch das Tauschangebot der IG-Farben-Nachfolger, wenn es nicht nur ein Gerücht sein sollte, wird Zeit haben, weil zahlreiche alliierte Bestimmungen noch zu beachten sind. Immerhin wird. die effektive Durchführung des Umtausches nur von zweitrangiger Bedeutung sein; für den Kurs genügt die verkündete Absicht. Daß die IG-Farben-Nachfolger den Willen haben, die Chemischen Werke näher an sich zu ziehen, ist wohl ohne Zweifel. Nicht umsonst bauen die Chemische Werke Hüls (zu 50 v. H.) und die drei großen Nachfolger des IG-Farben-Konzerns (Bad. Anilin, Farbwerke Bayer und Farbwerke Hoechst zu je 16,66 v. H.) gemeinsam eine moderne Kautschuk - Synthese - Anlage, die Anfang 1958 die Erzeugung aufnehmen wird. K. W.