Die Lage in Algerien hat sich unter der Regierung Guy Mollet erheblich verschlimmert, weil sich der Ministerpräsident aus der ihm zustehenden Schiedsrichterstellung hat drängen lassen. Dabei wäre ein Schiedsrichter nirgends dringlicher nötig als in Algerien. Die beiden Bevölkerungsteile, die eindreiviertel Millionen weißer Siedler (von denen notabene nur die Hälfte französischer Herkunft sind) und die etwas über 8 Millionen Mohammedaner, leben sich in beängstigendem Tempo auseinander. In beiden Gruppen hat das Zögern und die mangelnde Autorität der Regierung die extremistischen, einer Zusammenarbeit feindlichen Elemente in den Vordergrund gerückt.

Mit jenem Tag, an dem die mehrheitlich aus Halbwüchsigen zusammengesetzten Stoßtrupps der weißen "Colons" ungestraft den vom Ministerpräsidenten am Kriegerdenkmal von Algier niedergelegten Kranz zerfetzen und die offizielle Marseillaise niederschreien konnten, ist etwas ins Rutschen gekommen. Seit Guy Mollet darauf verzichtet hat, energisch jene Büros der Verwaltung in Algier zu säubern, in denen die gegen ihn gerichteten Trakte vervielfältigt worden waren, ist er der Gefangene der Kolonialisten. Und sein Aufruf an die Bevölkerung Algeriens blieb ein hilfloser Appell an den guten Willen, der in beiden Lagern nur Hohn hervorrief.

In verhängnisvoller Weise drohen die Bilder der zerklüfteten algerischen Bergzüge die Nachfolge jener Aufnahmen aus den indochinesischen Reisfeldern anzutreten, welche durch viele Jahre hindurch die Erinnerung an einen langsam, aber unaufhaltsam der Katastrophe zutreibenden Kolonialkrieg wachhielten. Mancher der vom Rhein ins Aures-Gebirge oder nach Kabylien versetzten Soldaten mag sich fragen, ob es nicht am besten wäre, mit dem Feind – wie das so mancher Kolonialistengegner zu Hause vorschlägt – ein gleichberechtigtes Zusammenleben der beiden Bevölkerungsteile, des weißen und des mohammedanischen, auszuhandeln. Für den modernen Atomkrieg ausgebildet, finden sie sich einem bei Tag unsichtbaren Feind gegenüber, der jede Falte des Geländes kennt und auf die von Sympathie und Furcht doppelt beflügelte Komplicenschaft der autochthonen Bevölkerung rechnen kann. Gewiß hat man auch algerische Schützen neben sich, die ihre Landsleute kennen. Aber gerade denen kann man nicht mehr trauen, seit fünfzig von ihnen mitten in einem Kampfe die Gewehre gegen ihre französischen Offiziere gerichtet haben. Dieser unsichtbare Maquis hat irgendwo ein Gehirn, das offensichtlich über jede Bewegung der eigenen Truppen aufs genaueste unterrichtet ist. Die Fellahs richten sich nach seinen Parolen, und seine Flugblätter liegen zuweilen des Morgens? vor der Tür des Kantonnements. Aber der Algerienminister Lacoste, der doch Sozialist ist, hat eben festgestellt, daß jedes Verhandeln vor Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung einer Kapitulation gleichkomme. Und die weißen Siedler, die sich seit Generationen im Land befinden, wiederholen immer wieder, daß der Mohammedaner nur die Sprache der Gewalt verstehe. Man versteht, daß Algerien für den einzelnen Franzosen zu einem Alpdruck zu werden beginnt, wie es das ferne Indochina damals nie hat werden können. A. M.