Auf der diesjährigen Leipziger Frühjahrsmesse gab es einige Überraschungen. Der Andrang der Aussteller ist bereits so groß geworden, daß der Ausstellungsraum von 268 000 qm nicht mehr ausreicht. Unter anderem mußten 400 westdeutsche Firmen wegen Platzmangels abgewiesen werden. Das Messeamt beabsichtigt deshalb, die zur Herbstmesse bisher ungenutzt gebliebenen Ausstellungsflächen in Zukunft den Ausstellern anzubieten, die zur Frühjahrsmesse nicht dabei sein konnten.

Unter den 1600 Firmen aus der Bundesrepublik war erstmalig das Ruhrgebiet fast vollständig vertreten. Die Anwesenheit des Krupp-Konzerns, der vor 18 Jahren zum letzten Male in Leipzig ausgestellt hatte, erregte größtes Aufsehen. Denn obwohl sich die Agitation der Kommunisten seit 1945 gegen den "Kriegsgewinnler, Rüstungsnutznießer und Ausbeuter Krupp" richtete, führten eine sowjetische Regierungsdelegation und Vertreter der Volksdemokratien Verhandlungen mit dessen Bevollmächtigten. Als ebenso überraschend wurde das Auftreten eines der Aristokraten der englischen Industrie, der Rolls-Royce Corp., empfunden.

Die Sowjetzonenregierung wußte die Leipziger Messe noch stärker als bisher politisch auszunutzen. Über eine Handelsvertretung zur direkten diplomatischen Anerkennung zu kommen, das ist Pankows Devise, und dazu war die Leipziger Messe auch diesesmal wieder ein gutes Mittel, um neue und bessere Kontakte zu den 29 dort ausstellenden westlichen Staaten zu finden. So unterhält die Sowjetzone bereits 18 Handelsvertretungen im nichtkommunistischen Ausland, die im Nahen Osten, in Indien und Burma, in Europa aber vor allem in Finnland in den letzten sechs Monaten sehr erfolgreich gearbeitet haben. Denn durch die letzten Messen sind auch sowjetzonale Wirtschaftskreise zu der Ansicht gekommen, daß die Erzeugnisse vieler ostdeutscher Industriezweige qualitativ und quantitativ nicht mit denen der hochentwickelten westlichen Industrieländer konkurrieren können. Man verlagerte daher das Schwergewicht auf die unterentwickelten Länder, mit denen die Sowjetzone bisher sehr gut ins Geschäft gekommen ist. Diese Staaten, beispielsweise Ägypten, Burna, Indien und der Sudan, waren in Leipzig meist durch starke Regierungsdelegationen vertreten.

Die Sowjetzone erzielte mit den westlichen Ländern einen Messeumsatz von etwa 520 Mill. DM. Bei den Abschlüssen hatte es sich als vorteilhaft erwiesen, daß die Sowjetzone die Geschäfte mit den kommunistischen Staaten größtenteils schon im Ende des vergangenen Jahres für 1956 abgeschlossen hatte. Man verzichtete also darauf, wie bisher möglichst viele geschäftliche Verhandlungen künstlich nach Leipzig zu verlegen, um am Schluß der Messe mit einer hohen Verkaufsquote aufwarten zu können, da dies die wirklichen Interessenten als sehr störend empfunden hatten.

Für den innerdeutschen Handel, der für 1956 einen Warenaustausch über 1 Mrd. VE vorsieht, hat sich die Leipziger Messe auch diesmal nur als ein Treffpunkt gezeigt, um mit dem planenden Stellen besser in Kontakt zu kommen; nur diese bestimmen ja die Einfuhr.

Sehr stark war wieder das englische und französische Interesse an der Normalisierung ihrer Handelsbeziehungen zu Peking. Hoffen doch beide Staaten, daß die Koordinationskommission in Paris über 200 Posten aus der Embargoliste streicht, so daß sich diese dann mit der Liste deckt, die gegenüber dem Sowjetblock in Kraft ist. Die starke englische Beteiligung der Motorenindustrie dürfte darauf zurückzuführen sein, daß deren Umsatz durch die von der britischen Regierung im vergangenen Jahr eingeführten Kreditdrosselungen zurückgegangen ist. Darum will man die Waren vom Binnenmarkt auf den Außenhandel verlagern. Diese Firmen sind nun sehr stark um den Absatz im Osten bemüht. Beachtlich war auch der Leipziger Autosalon. Die Produktion der Sowjetzone, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei stellen so langsam eine ernste Konkurrenz für den Westen dar.

Über allem steht nach wie vor die Frage der pünktlichen Lieferung. Es ist nun einmal ein großer Unterschied, ob man – wie die Sowjetzone – nur 2 Mill. oder 20 Mill. t Stahl zur Verfügung hat. Trotz mancher Schattenseiten ist die Bedeutung Leipzigs aber weiter gestiegen. Für die Wirtschaft des Westens wird es auch in Zukunft unerläßlich sein, nach Leipzig zu fahren, sei es auch nur, um die industrielle Entwicklung des Ostens nicht aus dem Auge zu verlieren. Hans Lindemann