Wie können sich vernünftige Menschen mit Banditeneinlassen?" fragt ein Polizeioffizier den anderen. Ein andermal sagt der jüngere Bruder von Glenn Griffin (Humphrey Bogart), dem Boß der drei entsprungenen Zuchthäusler, die sich im Hause einer gutbürgerlichen amerikanischen Familie gewaltsam eingenistet haben: "Ich habe alles von dir gelernt – nur nicht in einem solchen Hause zu leben." Und am Schluß, als das Familienoberhaupt mit der Waffe in der Hand dem wehrlosen Glenn gegenübersteht und der ihm zuruft: "Schießen Sie doch! Sie können es ja doch nicht!", da antwortet der gequälte und gedemütigte Familienvater (Frederic March): "Doch, das habt ihr mir beigebracht." Aber er schießt dann tatsächlich nicht, sondern fordert den letzten überlebenden Gangster auf, sein Haus zu verlassen, wie jemand, der sich ungebührlich benommen hat.

Nur wer aufmerksam auf die einzelnen Sätze in dem amerikanischen Film "An einem Tag wie jeder andere" (grammatikalisch nicht ganz einwandfreie Eindeutschung von "The desperate hours") achtet, auf die Gesten, die Blicke, der wird spüren, daß seine starken Wirkungen über die eines Reißen weit hinausragen, auch wenn die behandelten Probleme im Roman von Joseph Hayes deutlicher erkennbar waren, als in diesem Film, dessen Drehbuch (neben Roman und Theaterstück) derselbe Autor schrieb (Regie William Wyler). In diesem Film werden im Rahmen einer spannenden, effektvollen Kriminalstory menschliche Verhaltensweisen ausgelotet, aber ohne Zeigefinger, ohne Leitartikelreden, wie etwa in "Alibi" oder "Himmel ohne Sterne".

Gewiß ist der Roman vielschichtiger und psychologisch mehr verästelt. Die Versuchungen, denen die einzelnen Familienmitglieder ausgesetzt werden, die Anfänge von ethischer Korrumpierung, sind zugunsten der äußerlichen Gefahr- und Spannungsmomente vernachlässigt. Die Filmfamilie geht posi-’ tiver, unbeschädigter aus jener "Diktatur" hervor, als im Roman. Das soziologisch-politische Gleichnis: Terror und Widerstand hat man abgeschwächt und das fragwürdige Motiv der persönlichen Rache des Sheriffs an einem der Gangster wurde ausgeklammert. Doch es bleibt genug. Da ist die Auseinandersetzung unter den Polizisten, die sich um die Frage dreht: Soll man eine kleine Zahl von Anständigen, die sich in der Gewalt von Verbrechern befinden, opfern, um eine Vielzahl von Anständigen zu schützen? Da ist das Problem, das sich für das Familienoberhaupt ergibt: Widerstand oder, zumindest, teilweise Kollaboration, um das Leben der eigenen Angehörigen nicht zu gefährden. Auf die Spitze getrieben wird es in jener Szene, da Gangsterboß und Bürger – im gemeinsamen Interesse – den Bruder des Bandenführers daran hindern wollen, auszubrechen, weil er damit die Gangster wie auch ihre Geiseln, gefährdet.

Beklemmend nicht nur, wie sich die Familie allmählich an die Situation des Terrors der Diktatur fast gewöhnt, erregend auch, wie sie aus den Schlichen, Listen, Gemeinheiten ihrer "Unterdrücker" lernt, wie sie sich anpaßt, ja bis zu jenem äußersten Punkt getrieben wird, wo der Satz des Familienvaters: "Griffin, ich könnte sie umbringen" glaubhaft wird. Daß die Familie Hiliard standhält, ihre Widerstandskraft nicht gebrochen wird, daß dieser Film schließlich das Loblied der bürgerlichen Familie singt, entspricht jener neuen positiven, optimistischen Richtung, die in Amerika mit German Wouk "Die Caine war ihr Schicksal" begonnen hat, jene Gegenbewegung, die sich gegen die "Destruktiven" wie Mailer wendet.

William Wyler hat das inszeniert, jener Regisseur, der so sparsam ist mir Großaufnahmen, der die weiten Durchblicke mit gestochener Hintergrundschärfe liebt und oft zwei oder drei Aktionen gleichzeitig vor der Kamera abrollen läßt. Wir sahen von ihm so verschiedenartige Filme wie "Die besten Jahre unseres Lebens" und "Ein Herz und eine Krone". Humphrey Bogart agiert unter Wylers Hand wieder so intensiv und dabei differenziert, daß man von einer idealen Besetzung sprechen dann. Ihm steht Frederic March als Mr. Hiliard nicht nach. Ihre Auseinandersetzungen gehören zu den Höhepunkten des Filmes. Wolf gang Ebert.