Eden werden wegen einiger Tanks, die nach Ägypten gegangen sind, Vorwürfe gemacht – "als ob nicht in Jordanien die Möglichkeit sich drohend abzuzeichnen begänne, daß die von Engländern ausgebildete, ausgerüstete, finanzierte und geführte Arabische Legion als erste zum ‚Befreiungskampf‘ gegen Israel marschierte, wenn sie sich einmal ihres englischen Stabschefs entledigen sollte" – so schrieben wir in der ZEIT vom 12. Januar. Sieben Wochen später trat gerade das ein, was wir gefürchtet hatten und mit uns jeder, der die Fülle des Zündstoffes, der sich im Nahen Osten vor allem an den Grenzen Israels angesammelt hat, sieht und weiß, daß ein unglücklich fallender oder – wahrscheinlicher noch – ein ganz bewußt gezielter Funke dort jeden Augenblick eine Explosion auslösen kann.

Um die Mittagsstunde des 2. März übergab der jordanische Premierminister der britischen Botschaft in Amman ein Schreiben des Königs, in dem Generalleutnant Glubb (genannt "Pascha"), der Führer der Arabischen Legion, seines Oberbefehls enthoben und aufgefordert wurde, innerhalb von zwei Stunden das Land zu verlassen. Mit ihm wurden fünf weitere hohe Offiziere – zwei Engländer und drei Araber – entlassen.

Offiziell hieß es in London, die Vertreibung Glubb-Paschas sei der britischen Regierung "gänzlich unerwartet" gekommen. Das ist schwer zu glauben. Allerdings sind seit der Ermordung Abdullahs, des ersten Königs von Jordanien (1951), immer wieder Gerüchte von einer Entlassung Glubb Paschas oder von einem Anschlag auf sein Leben lautgeworden. Aber auch solche Gerüchte kamen ja nicht von ungefähr. Sondern gerade seit dieser Zeit, seitdem nämlich das Beduinenland Transjordanien mit Teilen des westlich vom Jordan gelegenen, höher zivilisierten Cisjordanien vereinigt wurde, ist die romantische Figur des europäischen Araberführers, der sein Hauptquartier in einem Beduinenzelt aufgeschlagen hat. immer mehr ein Anachronismus geworden. Zunächst ignoriert, dann bewundert und gefeiert, schließlich gescholten zu werden, war das Schicksal eines T. E. Lawrence, ist jetzt das Los seines Nachfahren Glubb Pascha.

Was den Anlaß dazu gegeben hat, daß jetzt also der englische Oberbefehlshaber der Arabischen Legion durch einen arabischen Oberbefehlshaber (Generalmajor Radi Amnab) ersetzt wurde, ist ungeklärt. Aber sei es, daß es auf ägyptisch-saudiarabischen Druck erfolgte (wobei Königin Zein, die vierzigjährige Mutter des Königs, eine Vermittlerrolle gespielt haben soll); sei es, daß die jordanischen Nationalisten (unter denen die arabischen Palästina-Flüchtlinge, ein Drittel der Bevölkerung, tonangebend sind) darauf bestanden; sei es endlich, daß der einundzwanzigjährige, public-school-erzogene König Hussein auf diese Weise das Stigma "Strohmann der Engländer", das ihm immer anhaftete, loswerden wollte – ganz gleich, was der aktuelle Anlaß gewesen sein mag (und wahrscheinlich spielen alle drei der genannten Beweggründe mit), jedermann außerhalb des britischen Foreign Office ist davon überzeugt, daß die untragbare Zuspitzung einer schon mindestens seit 1950 problematischen Situation in gerader Linie auf das ungeschickte Manövrieren mit dem Bagdad-Pakt zurückgeht.

Aber auch das war schließlich nur ein Anlaß. Der tiefere Grund ist das Erwachen eines politischen Bewußtseins in der arabischen Welt, das der einzelne nicht mehr durch heroische Leistungen dominieren, sondern nur durch kluges Verhalten lenken kann.

Die Stimmen, die die Ereignisse am Jordan zunächst bagatellisieren wollten, verstummten sehr schnell. In dem Gespräch zwischen Englands vielleicht führendem Nahost-Experten, Premierminister Sir Anthony Eden, und dem inzwischen, in London eingetroffenen Kronzeugen Glubb Pascha, muß deutlich geworden sein, daß Generalleutnant Glubbs Entlassung den schwersten Rückschlag bedeutet, den die britische Politik im Nahen Osten seit dem Palästinakrieg erlitten hat. Sie dürfte zu einer "schmerzlichen Neuorientierung" in der Nah-Ost-Politik führen.

"Wir haben’s ja gleich gesagt" – können die Gegner des Bagdad-Paktes für sich in Anspruch nehmen. Aber was hilft das? Am Ende bleibt nur die betrübliche Feststellung, daß die lange Zeit einflußreichste und politisch geschickteste europäische Macht im Nahen Osten, daß Großbritannien anscheinend den Kontakt mit den jungen Kräften verloren hat und daß dadurch jene Elemente der Mäßigung zwischen Judenhaß und Araberhaß, von denen es abhängt, ob der Ausbruch eines Krieges verhindert werden kann, empfindlich geschwächt worden sind. R. W. Leonhardt