Von Otto F. Beer

Als Karl Böhm im vergangenen November als Direktor der neueröffneten Wiener Staatsoper ans Pult trat, um die glanzvolle "Fidelio"-Premiere zu dirigieren, feierte ihn das Publikum mit einer Liebe und Hingabe, die jenem denkwürdigen Tag der Wiener Operngeschichte entsprach. Die Jugend von der "Vierten", Wiens begeisterungsfähige Galerie, führte damals den herzlichen Empfang an. Als dieser Tage Böhm, nach einer vierwöchigen Amerikatournee, zum erstenmal wieder am Pult erschien, war abermals "Fidelio" angesetzt. Diesmal aber gab es Pfiffe, und wieder war es die Jugend von der Galerie, die den Ton dieser Kundgebung angab. Dazwischen liegen etliche bewegte Monate in der Staatsoper am Ring – und ihre Geschichte klingt für den Wiener wie der bittersüße Roman einer gekränkten Liebe.

Man muß verstehen, was jene glanzvollen Eröffnungswochen für die Wiener bedeuteten. Eben erst hatte der Staatsvertrag Österreich wieder zu einem freien Land gemacht, da meldete die Hauptstadt, die sich nicht nur topographisch, sondern auch ihrer Mentalität nach rund um ihr Opernhaus gruppiert, ihren kulturellen Anspruch wieder an. Der äußere Glanz jenes Festes und die hohe musikalische Qualität – das waren nicht nur Kunstfragen: Hier ging es um ein Stück Selbstbestätigung. Der Mann, der von Mai bis November jenes einzigartige Ensemble zusammengefügt und bis zur körperlichen Erschöpfung durchtrainiert hatte, Karl Böhm, war der Held der Stunde. Sein Bekenntnis zum Ensemble-Theater, seine Absage an das System gastierender Stars war genau das, was der kennerische Wiener Logenhabitue ebensosehr schätzte, wie der Musikstudent hoch droben auf dem Stehplatz, der "Vierten". Man glaubt die Zeiten eines Mahlers, eines Schalk und Strauß wiedergekehrt.

Als dann der Eröffnungsmonat verrauscht war, die Phantasiepreise reduziert wurden, dafür aber auch die großen Kanonen wieder in ihre Flugzeuge stiegen, gab es die erste Ernüchterung. Österreich war, wenn es um seine Oper ging, wahrhaft verschwenderisch gewesen. Reichten nun tatsächlich die Mittel nicht, um all die reisenden Tenöre und Primadonnen noch ein wenig länger im Umkreis der Ringstraße festzuhalten? Man reagierte wie ein nicht sehr reicher Mann, der sich seiner Frau zuliebe leichtsinnig in Unkosten gestürzt hat und sie nun samt der Perlenkolliers davonreisen sieht. Aber der nicht sehr reiche Mann hatte seinen Tiefpunkt noch nicht erreicht.

Erst die Neueinstudierungen des Januar und Februar zeigten, wie sehr man gezwungen war, mit Wasser zu kochen. Die ersten Kräfte, die nur kurzfristig für die Oper verfügbar waren, hatten allesamt während des Opernfestes ihre Verpflichtung erfüllt. Was man ansonsten klugerweise auf eine ganze Spielzeit verteilt hätte, war in fünf glanzvollen Wochen verjubelt worden, und nun erweckten ein hoffnungsloser "Troubadour" und ein aus der Mottenkiste geholter "Maskenball" regelrechte Empörung. Vor allem fehlte der Wundermann, der die Wiederbelebung der Ensembleoper verheißen hatte: Direktor Böhm weilte in Amerika und ließ die verbitterten Wiener freundlich wissen, wie er dort von einem Triumph zum anderen eilte. Gewiß: auch er hatte vertraglichen Anspruch auf drei Urlaubsmonate. Aber mußte er gerade jetzt Urlaub nehmen, da die Krise offenkundig und der Tiefpunkt erreicht war? Die Wiener zitierten verbittert den Titel einer Lokalposse aus Großvaters Tagen: "Der Böhm in Amerika."

Dann kam der Operndirektor zurück – etwas vorzeitig, weil man ihm berichtet hatte, daß daheim alles lichterloh brannte. Auf dem Flugplatz entschlüpfte ihm das ungeschickte Wort, er könne nicht Wien zuliebe seine große amerikanische Karriere verderben. Es prangte am nächsten Tag als Schlagzeile auf der Titelseite eines Boulevardblattes. Und gerade für diesen Tag war eine Pressekonferenz mit dem Heimgekehrten angesetzt. Sie begann unter Sturmzeichen. Böhm hatte stundenlang mit der Bundestheaterverwaltung konferiert; er schien nervös, abgekämpft und am Rande eines Zusammenbruchs. Die Konferenz im Presseklub begann mit der Mitteilung, Böhm habe sich im Hinblick auf die aggressive Haltung der Wiener Blätter zum Rücktritt entschlossen. Er selbst kommentierte im Ton von "da hört doch die Gemütlichkeit auf" und "was nützt mir ein Urlaub, wenn, man ihn mir nicht gönnt?" In Wien habe man Mahler, Weingartner und Schalk hinausgeekelt – offenbar wolle man ihm gegenüber ebenso unfair sein.

Es gab eine dramatische Aussprache. Niemand habe ihn hinausintrigieren – im Gegenteil – hereinholen, stärker an das Haus binden wollen: so argumentierten Wiens Musikkritiker. Was als stürmische Fehde einsetzte, bekam bald einen geradezu herzlichen Unterton. Bei so verbessertem Klima stellte sich ein überraschender Umschwung ein: Böhm erklärte am Ende der Konferenz, er müsse seinen Entschluß noch einmal überdenken – vielleicht werde er ihn zurückziehen.