Wenn der Teufel spricht – Ein Experiment mit Tonbändern

Von Jan Molitor

Zwei Dutzend Primaner erschienen als geladene Gäste beim Norddeutschen Rundfunk in der Rothenbaumchaussee in Hamburg. Sie wurden in einen Raum geführt, der Studio heißt. Selbst wenn han älter als siebzehn Jahre ist, betritt man zum ersten Male ein solches Gehäuse nicht ohne Scheu, hinter einer Glaswand sieht man Techniker, deren Gesichter oft betont unbeteiligt sind; im Zimmer stehen oder hängen Mikrophone, und man weiß, laß sie bald eingeschaltet werden. Aber zunächst rat ein mannshoher Lautsprecher in Aktion. "Pareigenossen, Kameraden..."

Es sind die Männer der BBC, denen der Hamburger Sender die Möglichkeit verdankt, die Reden Hitlers nach Belieben zu wiederholen, denn der Londoner Rundfunk hat damals "mitgeschnitten‘, wenn der "Führer der Deutschen" sprach. Gelegentlich verrät ein Rauschen, daß die Ätherwellen den Weg von Deutschland nach England nicht ungetrübt zurücklegen konnten. Duplikate dieser Aufnahmen schenkten nach dem Kriege die britischen Funkleute ihren norddeutschen Kollegen. Zur Erbauung? Als Zeichen neuer Kameradschaft? Als Lehrmittel der Re-education? Gleichviel, ein Druck auf einen Knopf: der Lautsprecher dröhnt in hitlerschen Tonfall: "In diesem Kriege wird einer fallen, und da wir dies nicht sein werden, weil wir siegen müssen, werden die anderen fallen." Eine lustige Logik, über die nach Gebühr zu lachen wir seinerzeit dadurch abgehalten wurden, daß wir uns mit Maschinengewehren, Flugzeugen, Panzern, Bomben und Granaten beschäftigen mußten, oder mit Maßnahmen, den Luftschutzkeller noch ein bißchen sicherer auszubauen. Es war die Zeit, da die deutschen Truppen gerade bis zur Wolga vorgedrungen waren ("und wo der deutsche Soldat steht, da bleibt er auch"); aber die Tragödie von Stalingrad deutet; sich erst an, sie war noch nicht vollendet. Noch war Hitler aufgebläht von der Hybris des Siegers und nannte Eden einen parfümierten Bengel und Roosevelt einen Obergangster und die Amerikaner ein Volk, das nur Jazz, aber keine ideellen Werte kenne. Uns legt sich, wenn wir dies Wiederhören, die alte Schande aufs Herz. Aber die Primaner – zu jung, als daß sie das alles damals mit Bewußtsein hören konnten – brechen sie wenigstens hier und dort in schallendes Gelächter aus?

Da lachten die alten Kämpfer

Nein, wer da lacht, das ist die Mannschaft der Parteigenossen im Münchner Bürgerbräukeller. "Die Juden haben das Lachen verlernt", sagt Hitler (da lachen die Parteigenossen: ein Führerwort, haha ein kerniges!) "Und die übrigen werden das Lacher verlernen!" So der Führer, und "haha", die "Alter Kämpfer" im Bürgerbräu.

Danach wurden die Mikrophone zur Diskussion der Primaner eingeschaltet; sie hatten vorher ihr Einverständnis gegeben, daß ihre Unterhaltung auf Tonbändern festgehalten und später ins Sendeprogramm gesetzt werden könne (was der NDR in der ersten Märzwoche auszugsweise tat: eine Viertelstunde lang). Indessen konnten wir – zu Gast in einem Magnetophonraum des Hamburger Senders – von A bis Z hören, was die Primaner zur Rede Hitlers zu sagen hatten; und vorher hatten wir natürlich – genau wie die Primaner– dem "Führer" lauschen müssen, dem Teufel, der aus dem Grabe sprach.