W. L.,München

Im dicken Nebel fuhr ein grauer Opel Olympia auf der Nürnberger Autobahn nach München. Der Wagen surrte gerade über die Abzweigung nach Eching, als der Fahrer die Schlußlichter eines Lastzuges vor sich auftauchen sah. Statt zu stoppen, riß er das Steuer herum und lenkte auf die Überholbahn. Der neben ihm sitzende Rudolf K. atmete hörbar auf. Dann krachte es, und die schwere Wand des LKW-Anhängers zerquetschte die rechte Wagenseite des Olympia. Rudolf K. war tot. Der Fahrer Christian R. verlor die Besinnung.

Mit erheblicher Geschwindigkeit hatte ein Volkswagen auf der Überholbahn zum Überholen angesetzt, als der Olympia ihm in die Fahrbahn fuhr. Die Volkswageninsassen, zwei Männer und eine Frau, kamen mit geringfügigen Verletzungen davon; aber der Opel war an die Bordwand des LKW geschleudert worden. Von der Landpolizeistation Freising wurde der Unfall aufgenommen, und gegen Christian R. erhob der Staatsanwalt Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Das geschah vor drei Jahren.

Ein Jahr später meldete sich bei dem heute pensionierten Oberregierungsrat Schlager in der Münchner Strafanstalt Stadelheim ein Mann zur Strafvollzug. Die eisernen Gefängnistore schlossen sich für 15 Monate hinter dem Kunstmaler Christian R.

In der Acht-Mann-Zelle begann der Tag um 6.00 und endete um 16.30 Uhr. Für einen Tagelohn von 50 Pfennig beschäftigten sich die Insassen mit Bauarbeiten. Nur Christian R., dessen Können man aus den Papieren entnehmen konnte, mauerte nicht. Er malte. Von der Münchner Firma Farben-Klotz ließ die Gefängnisverwaltung die notwendigen Materialien nach Angabe von Christian R. kommen, so daß recht bald unter den geübten Händen des Kunstmalers für 50 Pfennig Tageslohn Gemälde auf Gemälde entstand.

Natürlich erhielt Oberregierungsrat Schlager, der Anstaltsleiter, die drei gewünschten Bilder für einige Zigaretten und zusätzliche Lebensmittel, denn Christian R. konnte nicht wählerisch sein. Auch der stellvertretende Leiter, Regierungsrat Vogel, erhielt zwei Bilder, jedoch gegen Bezahlung: 15 DM hielt Herr Vogel für angemessen bei Bildern, die der Maler selber in guter Zeit für 200 DM verkauft hätte.

Obwohl nun im Stadelheimer Strafvollzug noch genug Interessenten für die so entstehenden Ölbilder auf den "Vorbestellisten" standen, mußte man den malenden Tagelöhner ins ehemalige Zuchthaus Kaisheim überweisen. Ungern, aber mit guten Empfehlungen, zog Christian R. im Mai 1954 in Kaisheim in einen Raum, in dem 42 Gefangene lebten. Ein wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuchthaus bestrafter Stubenältester schikanierte den "Neuen" ebenso wie der wegen Totschlages zu 15 Jahren bestrafte Fourier.