Schon am Morgen dieses Tages wußte Prohaske, daß er es wieder tun würde. Er war auf seinem Zimmer. Der Altersschwäche seines Sofas wegen – zum hundertsten Male ärgerte er sich darüber – konnte er kaum in die Kaffeetasse sehen, die vor ihm auf dem Tisch stand.

Ja, es war wirklich erst einige Monate her, daß er es zum erstenmal getan hatte. Das war kurz nach seinem Geburtstag. Da hatte es ihn mit einem Male gepackt. Er hatte zurückgeschaut auf die Kette der Jahre, die er im stetig gleichförmigen Trott verbracht hatte, fast fünfundzwanzig Jahre bei der gleichen Firma. Was hatte ihm das eingebracht? Der Chef wußte, daß er sich auf ihn verlassen konnte, seine Stellung war eine Vertrauensstellung, sozusagen. Aber was nützte das, wenn er sehen mußte, wie Jüngere zügig an ihm vorbeigingen, während ihn der Strom der Jahre an einen Posten gelandet hatte, der nicht schlecht war, der aber auch nie besser werden würde. Er war in einen toten Arm geraten, und Jahre hatte es gedauert, bis er es selber merkte. Mit einem Schlag hatte er sein Leben gesehen, so wie es wirklich war. Ein alternder Junggeselle, der die Hoffnungen seiner Jugend begraben hatte, ehe er selbst darum wußte. Früher hatte er zuweilen das Gefühl einer unbestimmbaren Erwartung gehabt, er hätte zwar nie genau zu sagen gewußt, was er eigentlich erwartete, aber das Gefühl war da, daraufhin hatte er gelebt, jeder Tag war ein Los auf die große Erfüllung, die ihm undeutlich vorschwebte.

Und dann kam der Tag, an dem er wußte, daß es in der Lotterie, in der er spielte, nur Nieten für ihn gab. Das war kurz nach seinem letzten Geburtstag. Ihn graute unsäglich, daß alles so weitergehen sollte wie bisher. Der Gedanke war ihm gekommen, einfach Schluß zu machen mit allem. Aber er schickte ihn gleich wieder weg. Nein, das würde er nicht tun, er nicht. Eher würde er, Emil Prohaske, es ihnen allen noch einmal zeigen, würde es ihnen zeigen, daß er gar nicht der Emil Prohaske sein mußte, als den sie ihn alle zu kennen glaubten.

Am Samstag nach seinem Geburtstag geschah es. Es war ein Samstag wie alle anderen auch, er hätte seinen Ablauf genau voraussagen können. Wie gewöhnlich hatte er bis in die späten Nachmittagsstunden hinein noch gearbeitet, die Bücher für die Woche abgeschlossen und sie dem Chef vorgelegt, ihm das Geld ausgehändigt. Dann wurden Papiere und Geld in seinem Beisein in den Safe gelegt. Der Chef hatte keinen Grund, ihm die Kombination zu verheimlichen. Schließlich war er ja lange genug in dem Betrieb gewesen, bald fünfundzwanzig Jahre, er hatte zwar nicht Prokura bekommen, aber dafür Vertrauen, sehr viel Vertrauen.

Alles andere war dann einfach, und es ärgerte ihn fast, daß es so einfach war. Mit etwa 30 000 Mark verließ er das Gebäude, nachdem er den Schlüssel zum Kassenraum beim Pförtner abgegeben und ihm einen angenehmen Sonntag gewünscht hatte. Den Abend ging er nicht aus. Er schlief unruhig in der Nacht, aber er erwachte voll nie gekannter Energie. Am Vormittag fuhr er mit einem der großen grauen Linienomnibusse weit vor die Stadt, zum Flughafen. Er tauchte ein in das Getriebe der Reisenden, Gäste, Bediensteten, in die Atmosphäre von Weltweite und Reichtum, Luxus und Abenteuer. Er nahm im Flughafenrestaurant einen Platz, von dem aus er das Starten und Landen der silbrigen Maschinen beobachten konnte, die Ankunft der Gäste, den Abschied. Das Geld hatte er bei sich, die Welt stand ihm offen. Es brauchte zum Beispiel nur ein Passagier von seinem gebuchten Platz zurücktreten, aber alle Maschinen waren ja auch nicht voll besetzt, ein paar Stunden nur, und er wäre in Madrid, in Lissabon, in Kairo oder... Was warjetzt noch vor ihm verschlossen? Das wirkliche Leben lag da, greifbar vor ihm, er brauchte nur hinzulangen. So wie er da saß, unwirklich über sich selbst erhoben, hatte er keine Furcht, er war wie berauscht. Er hatte etwas getrunken, etwas Alkoholisches, etwas Kostspieliges, ganz gegen seine Gewohnheit, aber er hatte natürlich mit eigenem Geld bezahlt, auch die teure Taxe, die ihn, nachdem schon längst die Lichter überall aufgeglommen waren, wieder in die Stadt gebracht hatte. Den Rest des Weges nach Hause legte er zu Fuß zurück. Er hatte nicht das Gefühl, etwas versäumt, einen Plan nicht zu Ende geführt zu haben, warum auch, er hätte ja gekonnt, wenn er nur gewollt hätte, konnte es ja wieder tyn, wenn ihm ein Zeitpunkt günstig erschien.

In der Nacht schlief er tief und traumlos. Am nächsten Morgen war er eine halbe Stunde vor Geschäftsbeginn im Büro. Niemand fiel es auf. Als er das Geld unbemerkt an seinen Platz zurücklegte, war es ihm, als erweise er damit dem Chef und allen übrigen eine große Gnade, eine Gnade, die sie eigentlich gar nicht verdienten. Sein Hochgefühl hielt noch eine ganze Weile an. Er glaubte zu merken, daß die Kollegen erstaunt aufschauten bei dem sicheren und aufgeräumten Ton, den er ihnen gegenüber anschlug. Dann machte es ihm wieder Spaß, den alten, unscheinbaren, unwichtigen Prohaske zu spielen, so, als wenn sich gar nichts ereignet hätte.

Aber das alles hielt nur eine Weile vor. Es kamen wieder Tage, an denen er es selbst kaum glauben konnte, daß er einmal an der wirklichen Schwelle zum großen Leben gestanden hatte. Er mußte es sich wieder beweisen, daß er wirklich nur ein paar Schritte bis dahin brauchte. Er mußte sein erstes Manöver wiederholen. Die Entscheidung, den endgültigen Schritt über die Schwelle zu tun, behielt er sich vor, gab es sich nicht zu, daß es vielleicht nur noch ein Spiel war, aber es war ja wohl mehr als das, ein Zustand, nach dem er süchtig war. Inzwischen hatte er es schon zwei-, dreimal wiederholt, das Spiel, aber jedesmal war er reisefertig, mit einem gültigen Paß in der Tasche.