Die Bekämpfung der Poliomylitis (spinalen Kinderlähmung) ist langwierig und kostspielig. Da die Mehrzahl der Erkrankten auf öffentliche Hilfe angewiesen ist, sollte man meinen, daß der Staat sich ihrer besonders annimmt. Tut er das? Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten ist die Behandlung und Versorgung der Poliokranken in der Bundesrepublik noch sehr verbesserungsfähig. In den USA gründete Präsident Franklin D. Roosevelt, der selbst ein Opfer der spinalen Kinderlähmung war, im Jahre 1938 durch eine Stiftung einen Fonds, in den seitdem sämtliche Gelder zur Bekämpfung der Kinderlähmung fließen. Aus diesem Polio-Nationalfonds wird die Forschung finanziert und die Versorgung der Erkrankten ermöglicht. Jedes Jahr erhält diese Kasse einen neuen Zustrom von vielen Millionen Dollar: durch großzügige Spenden, durch den bereits traditionellen "March of Dimes" (Pfennig-Parade) und durch originelle Sammelaktionen der einzelnen Staaten.

Im Februar dieses Jahres beschlossen zum Beispiel in New York 200 000 Mütter eine Haussammlung. Die Aktion dauerte nur eine Stunde, erbrachte aber nach ersten Schätzungen über eine Million Dollar. Über Funk. Presse und Television waren die Bewohner informiert worden, daß, wer in dieser einen Stunde für den Polio-Fonds spenden wollte, nur in seiner Etage oder Wohnnalle das elektrische Licht einzuschalten brauchte, wodurch die Sammlerinnen Leerlauf und Belästigungen derjenigen, die nichts geben wollten, vermeiden konnten. Zur ungefähr gleichen Zeit spendeten die Angehörigen der amerikanischen Armee in Europa über eine Million Deutsche Mark zugunsten des Polio-Fonds. Aus diesen Geldmitteln sind auch Eiserne Lungen angeschafft worden, die der Bundesrepublik die Kinderlähmung bekämpfen helfen.

Das im vergangenen Jahr in den USA entwickelte Salksche Anti-Polio-Vakzin verdankt seine Entdeckung – neben der wissenschaftlichen Leistung der Ärzte – der finanziellen Förderung durch den Polio-Nationalfonds. Übrigens sind die beunruhigenden Rückschläge, die sich nach der ersten Schutzimpfung in den USA im April 1955 einstellten, aufgeklärt und für die Zukunft unmöglich gemacht worden. Die in Amerika und unter anderem auch in der Bundesrepublik verhängte Anwendungssperre ist wieder aufgehoben worden, und am 15. Februar 1956 wurde das Gutachten des Bundessesundheitsamtes veröffentlicht, in dem es heißt. daß auch die Freigabe des bis dahin gesperrten deutschen Serums der Behring-Werke befürwortet werde. Von allgemeinen Massenimpfungen, wie sie in den Vereinigten Staaten und in England durchgeführt werden, rät das Gutachten aber ab. Gegen freiwillige Impfung bestehen jedoch keine Bedenken. Die Kosten einer freiwilligen Impfung, die ungefähr bei 40 bis 50 DM liegen dürften, sind für die meisten Bewohner der Bundesrepublik zu hoch, so daß nicht mit einer hohen Zahl freiwilliger Impfungen zu rechnen ist.

Nach der Veröffentlichung des Gutachtens haben die Behring-Werke, Marburg, mitgeteilt, daß das von ihnen hergestellte Serum den im Auslande produzierten Seren, mit denen Massenimpfungen durchgeführt werden, nicht unterlegen ist. Es wäre ein Mißverständnis, wenn dieses aus dem Gutachten geschlossen würde. Wenn das Bundesgesundheitsamt von Massenimpfungen abrät, heißt es weiter in der Stellungnahme der Behring-Werke, so sicherlich mit deswegen, weil eine sichere Beurteilung aller Impfwirkungen Zeit braucht. Die Erklärung stützt sich dabei auf Ausführungen in dem Gutachten, daß nach Ansicht der Gutachter die bisher vorhandenen Impfstoffe, in denen die Erreger der Kinderlähmung mit Formalin abgeschwächt wurden, noch keine hinreichende Gewähr dafür bieten, daß ihre Anwendung ohne Gefahr ist. – Mitte Januar dieses Jahres eröffnete der neue britische Gesundheitsminister Turton seine Amtsführung mit der Mitteilung, daß bis zum Juni bis zu einer halben Million britischer Kinder zwischen zwei und neun Jahren kostenlos mit einem neuen Serum gegen die spinale Kinderlähmung geimpft werden. – In Deutschland ist die Erforschung von Seren Aufgabe und Angelegenheit der privaten Hand. Die Unterstützung der Forschung war bisher auf private Hilfe angewiesen. So entstanden in vielen Orten der Bundesrepublik Vereine zur Förderung der Erforschung der spinalen Kinderlähmung. Der Hamburger Verein zum Beispiel hat in seinem zweijährigen Bestehen 182 000 DM gesammelt und unterstützt das Eppendorfer Institut zur Erforschung der Kinderlähmung unter Leitung von Professor Pette. Die Gründerin des Vereins, Käte Staudinger, Arztfrau, Mutter und Bürgerschaftsabgeordnete, ist sich seit langem darüber im klaren, daß die Versorgung der Opfer nicht ausreichend gewährleistet ist. Von der Poliomylitis betroffene Kinder sind am härtesten dran: zu der körperlichen Behinderung kommt, durch den langen Krankenhausaufenthalt bedingt, die Versäumnis der Schule. In den meisten Fällen läßt sich der Rückstand nie wieder einholen. Wenn die obligatorische, ein halbes Jahr dauernde Krankenhausbehandlung beendet ist, müssen die betroffenen Glieder in einer dauernden Nachbehandlung trainiert werden. Dies geschieht stets durch ambulante Behandlungen, und das bedeutet wiederum, daß die Kinder zwei- bis dreimal in der Woche den Unterricht versäumen müssen.

In Amerika sind Schulkrankenhäuser geschaffen worden, in denen polioerkrankte Kinder zur Nachbehandlung untergebracht werden. Die deutsche Lösung der ambulanten Behandlung wird auch von der Ärzteschaft nur als Notlösung angesehen: Die ständige ärztliche Betreuung, gerade bei der häufig jahrelangen Nachbehandlung, gewährleistet viel bessere Erfolge. Während des Aufenthalts in den amerikanischen Schulkrankenhäusern genießen die Kinder neben der ärztlichen Betreuung einen ausreichenden Schulunterricht, und da ihre Spielkameraden andere kranke Kinder sind, werden sie seelisch nicht belastet. Es ist ja keine Seltenheit, daß körperlich behinderte Kinder im Zusammensein mit Gesunden seelische Komplexe bekommen, die zu einer Abschließung von der Umwelt führen. In der Bundesrepublik gibt es zur Zeit nicht ein einziges Spezialkrankenhaus mit poliokranken Kindern mit Schulunterricht.

Der Schulunterricht für poliokranke Kinder muß so schnell wie möglich gebessert werden. Das Problem dürfte gelöst werden können, da die Anzahl der Erkrankten verhältnismäßig gering ist, geringer als in den USA. Diese Aufgabe ist Angelegenheit der Bundesregierung, der Länder und der Versicherungsträger. Wenn es demnächst gelingen sollte, die Kinderlähmung durch vorbeugende Maßnahmen in Zukunft in der Bundesrepublik gänzlich auszurotten, so sollte nicht vergessen werden, auch alles zu tun, die schon vorhandenen Erkrankten ausreichend zu versorgen. Jedes kranke Kind sollte die beste Schulausbildung erhalten.

Donald Ahrens