Es ist häufig darüber geklagt worden, daß die bildenden Künstler in der größten Stadt der Bundesrepublik – in Hamburg – noch immer kein Haus haben, wo sie ihre Arbeiten zeigen und verkaufen können. Ihre Jahresausstellung haben sie gerade eben in der sogenannten "Halle der Nationen" auf dem Messeglände von "Planten und Blomen" absolviert. In den übrigen elf Monaten des Jahres wird ein Besucher der Hansestadt Hamburg, der sich etwa über das Schaffen der heimischen Maler und Bildhauer orientieren möchte, kaum Gelegenheit dazu finden, es sei denn, daß ein ortsansässiger Kunstfreund ihn in die Ateliers der Künstler mitnimmt.

Eine kunstfreundliche Bürgerschaftsabgeordnete und Kulturdeputierte, Frau Käthe Staudinger, die mit dem Chefarzt der Hapag verheiratet ist, schlug jetzt der Hapag vor, ihre neuen Kombischiffe "für Ausstellungszwecke" zur Verfügung zu stellen. Die Hapag, die in den letzten Jahren immerhin 400 Bilder zum Schmuck von Kabinen und Aufenthaltsräumen auf ihren neugebauten Schiffen angekauft hat, ging bereitwillig darauf ein. Die Hamburger Kulturbehörde übernahm die Auswahl der Bilder, und die Obergabe der von ihr ausgesuchten acht Ölbilder und Aquarelle – vorwiegend Landschaften einer maßvoll modernen Richtung von bekannten älteren und auch einigen jüngeren Hamburger Malern – ging an Bord der "Hannover" in ungewöhnlich festlichem und offiziellem Rahmen vonstatten.

Der Vorteil einer solchen "schwimmenden Galerie" liegt auf der Hand: Passagiere haben Zeit, sich die Bilder anzusehen, viel mehr Zeit, als sie daheim jemals für den Besuch einer Galerie aufbringen würden. Sie können sich während der Schiffsreise allmählich mit den Bildern befreunden und werden im idealen Fall, wenn sie wieder von Bord gehen, das Bild, das ihnen besonders gefällt, mit nach Hause nehmen.

Außerdem sollen in den fremden Häfen, die von den Schiffen angelaufen werden, die deutschen Landsleute von ihren Konsuln eingeladen werden, an Bord zu kommen und die Bilder aus der Heimat zu besichtigen. Für die Auslandsdeutschen in Afrika oder Ostasien, die nie Gelegenheit haben, Bilder zu sehen, kann selbst eine so kleine Ausstellung wie die an Bord der "Hannover" unendlich viel bedeuten. Und deshalb, wegen dieser kulturellen Mission, sollte das Beispiel der Hapag Schule machen. Allerdings sollte man solche Unternehmen nicht als "Hilfsaktionen für die notleidenden Künstler" bezeichnen, wie das bei uns neuerdings leider üblich geworden ist. "Die Hapag hilft der Kunst!", "Die Industrie hilft der Kunst!", "Der Sport hilft der Kunst." Als ob die Kunst ein Bettler wäre! Allenfalls gleicht sie jenem Bettler in der Legende, der reicher ist als alle Vorübergehenden, und wer ihm etwas spendet, der merkt nachher, daß er eine viel größere Gabe empfangen hat. g.s.