Amazonien scheint als Schauplatz für politische Abenteuer in Mode zu kommen. Kaum war am Oberlauf des Vaters der Ströme eine peruanische Revolte niedergeschlagen worden, entlud sich eine brasilianische an seinem Unterlauf. Achtzehn Tage lang stand das tropische Weltreich, im Mittelpunkt mysteriöser Aufstände.

Weshalb der Fliegermajor Haroldo Veloso den Entschluß gefaßt hat, ausgerechnet dort zu putschen, weiß niemand. Er bestieg am 17. Februar in der Bundeshauptstadt einen Langstreckenbomber und landete mit schriftlichen Orders von eigenen Gnaden 2500 Kilometer nordwestlich auf dem Flugplatz des Amazonasstädtchens Santarem. Dort unterstellte er sich die Garnison, drei Offiziere und dreißig Mann, und sah sich damit Herr über ein Gebiet von etwa einer Million Quadratkilometern, einem Achtel des ganzen Landes.

In Rio de Janeiro war inzwischen der Teufel los. Staatspräsident Kubitschek, seit dem 1. Februar im Amt und noch tief beeindruckt von den Erlebnissen seiner Reise durch Nordamerika und Europa, sah sich in den Regierungsgeschäften gestört. Er hatte Mühe, die umlaufenden Gerüchte einer Verschwörung der brasilianischen Luftwaffe gegen seine Person glaubwürdig zu dementieren. Für alle Fälle ließ er 200 Piloten gefangensetzen. Zeitungsredaktionen wurden vorübergehend militärisch besetzt, Radiosendungen brüsk unterbrochen.

Am 24. Februar stellte die Regierung in einem Bulletin fest, daß jede Bagatellisierung der Angelegenheit abwegig sei. Major Veloso, hieß es, verfügt über eine beträchtliche Zahl von Flugzeugen. Er hat sich auf dem Flugplatz von Jacar£ Acanga mit dreihundert Bewaffneten verschanzt und ist bereit zu kämpfen.

Wofür? Das fragte sich in Rio der Mann auf der Straße. Eine Antwort gab es nicht. Immerhin, dreihundert Bewaffnete bedeuten im entlegenen Amazonien die Macht. Präsident Kubitschek kündete schärfste Gegenmaßnahmen an.

Ehe es dazu kam, war der Spuk zerstoben.. Major Veloso wurde am 1. März in seinem Hauptquartier verhaftet. Ohne Kampf und Blutvergießen, darf man annehmen. Präsident Kubitschek hat durch einen Amnestieerlaß allen Mitbeteiligten großmütig, verziehen. Achtzehn Tage, die zwar nicht die Welt, aber dafür um so heftiger Brasilien erschütterten, gingen in die Geschichte ein.

Heinz Hell