Dies ist ein Buch der Erinnerungen und nicht eine Selbstdarstellung..." liest man auf der ersten Seite, und auf einer der letzten steht: "Ich wollte lediglich versuchen, einige Begebnisse in Erinnerung zu rufen, die vom Herkömmlichen um einiges abwichen und deshalb in meinem Gedächtnis haften geblieben waren."

Das sind bescheidene Worte – so ganz ungewohnt im Memoirenjargon unserer Tage. Der sie – mit einem sympathischen Anflug angelsächsischer Untertreibung –schrieb, bekommt in einem Dossier des Goebbelsschen Propagandaministeriums folgendes attestiert: "... galt bei den Behörden als der erste der Auslandskorrespondenten, wurde aber mit Vorsicht behandelt... war ein genauer Kenner der deutschen Wirtschaft ... kannte alle bedeutenden europäischen Staatsmänner, besonders der Zeit vor 1933 ... gegenüber dem Nationalsozialismus sehr skeptisch..."

Kein Irgendwer also, sondern ein vielerfahrener und weltbekannter Journalist, der durch mehrere Jahrzehnte hindurch in Tausenden von Berichten und in ungezählten Vorträgen dem Ausland – vor allem Amerika – ein präzises und nüchtern-klares Deutschlandbild gezeichnet hat: Louis P. Lochner.

Selbst deutscher Abstammung – sein Vater wanderte 1845 in die Vereinigten Staaten aus –, kam Lochner, als Achtzehnjähriger, 1905 zum erstenmal in das Land seines künftigen Wirkens. Als er, dann 1921 in das Berliner Büro der Associated Press eintrat, hatte er den Atlantik schon zehnmal überquert. Nach zwanzig mit Erlebnissen prall gefüllten Jahren, die er gleichsam in der Proszeniumsloge der Berliner Bühne verbracht hatte, wurde er – der mittlerweile längst zum geachteten Doyen der in Deutschland tätigen Auslandskorrespondenten avanciert war – ausgewiesen. Schon 1945 jedoch betrat er als amerikanischer Kriegsberichterstatter erneut deutschen Boden.

Nach der Herausgabe der Goebbels-Tagebücher und nach seinem stark beachteten Buch "Die Mächtigen und der Tyrann. Die deutsche Industrie von Hitler bis Adenauer" erschien nun:

Louis P. Lochner: Stets das Unerwartete. Erinnerungen aus Deutschland 1921–1953. Deutsch von Günther Birkenfeld. Verlag Franz Schneekluth, Darmstadt. 384 Seiten, 14,80 DM.

In dieser ungemein lebendigen Überschau umreißt der Autor vor allem seine Jahre als Pressemann in Berlin und läßt einen bunten, nicht abreißenden Reigen von Ereignissen und Gestalten vorüberziehen. Mag sich darin neben Bedeutendem bisweilen auch Nebensächliches finden und kommt der Bericht hin und wieder ein wenig in die Nähe einer Anekdotensammlung, so spricht doch aus jeder Zeile der scharfe und unbestechliche Beobachter, der unvoreingenommen an die Dinge herantritt und nicht die Wirklichkeit nach seiner schon fertigen Meinung, sondern seine Meinung nach der Wirklichkeit formt.