Von Christian E. Lewalter

Pressemeldungen über die Öffnung des Walsinghamschen Familiengrabes in einer englischen Kirche haben wieder einmal die öffentliche Aufmerksamkeit auf die leidige Vexierfrage gelenkt, ob Shakespeare wirklich Shakespeare war.

Die Zahl der Namen, in deren Trägern man den Verfasser der unter "William Shakespeare" überlieferten Werke nachzuweisen versucht hat, ist nicht viel geringer als die Zahl dieser Werke selbst. Mit dem Lordkanzler Francis Bacon fing es vor über hundert Jahren an; neuestens hat ein findiger Amerikaner den Dichter des "Faust", des "Tamburlaine" und des "King Edward II", den genialischen Christopher Marlowe, auch für die Autorschaft des "Hamlet", des "Othello" und des "King Lear" in Anspruch genommen. Dazwischen sind zahlreiche Aristokraten der elisabethanischen Zeit als Prätendenten, auf den Weltruhm des größten Dramatikers aufgestellt worden: der Earl of Derby, der Earl of Oxford, der Earl of Rutland und so mancher andere, bis hin zu jenem heimlich geborenen unehelichen Sohn aus dem Hause Tudor, der – wie es die phantasievolle Konstruktion der deutschen Schriftstellerin Erna Grautoff vor zwanzig Jahren ausmalte – zugleich unter dem Pseudonym Bacon der größte Jurist seines Zeitalters und unter dem Decknamen Shakespeare der unsterbliche Dramatiker gewesen sein sollte.

So verschieden nun die Kandidaten sind, die man entdeckt und präsentiert hat, so einig sind sich doch alle Entdecker in einem Punkt: daß nämlich nur ein hirnlos Verbohrter heute noch an die Autorschaft des Mannes glauben könne, der auf den Titeln der alten und aller späteren Ausgaben verzeichnet steht: William Shakespeare aus Stratford-on-Avon, geboren. 1564, in London als Schauspieler urkundlich nachweisbar von 1592 bis mindestens 1607, begraben in Stratford 1616. Zwar gehören zu diesen "Stratfordianern" alle Anglisten auf allen Universitäten in Europa und in Übersee – aber in den Augen der Entdecker macht dies "orthodoxe" Festhalten der "akademischen Zunft" an der überlieferten Autorschaft den Stratforder nur erst recht verdächtig, ein "Strohmann" gewesen zu sein, und die anglistische Wissenschaft bekommt in den Schriften der Anti-Stratfordianer ihr gehöriges Teil an dem Hohn ab, der sich über den "ungebildeten", "plumpen" und jedes Talentes baren Provinzler aus dem "kleinen Nest am Avon" ergießt. Es ist, wie sich zeigen läßt, alles andere als ein Zufall, daß diese Legendenbildung sich gerade an das dramatische Werk Shakespeares knüpft.

In allem nämlich, was geschichtliche Tatsachen betrifft, gibt es kaum jemals jenen Grad von Exaktheit, mit dem die Naturwissenschaft arbeiten muß, um ihre Erkenntnisse zu sichern. In die geschichtliche Erkenntnis spielt immer das Glauben hinein – das Glauben im schlichten Sinn des Alltags, so wie wenn wir sagen: "Ich glaube, daß mir X. etwas Richtiges über die Verhältnisse in Afrika berichtet hat" oder dergleichen. Daß Julius Cäsar gelebt hat, müssen wir glauben, wenngleich dies eine Tatsache von besonders gut verbürgter Glaubhaftigkeit ist, die der Sicherheit schon gleichkommt. Nicht so unmittelbar glaubhaft würde einem Literaturfreund etwa des Jahres 2256 der folgende Tatbestand aus der Zeit um 1900 vorkommen: ein junger Mann aus einer mittleren Stadt, Sohn eines Ratsmitglieds dieser Stadt, versagt auf der Schule so sehr, daß er sie vorzeitig verlassen und Versicherungsangestellter werden muß. Ohne auch nur das "Einjährige" gemacht, geschweige denn studiert zu haben, versucht sich dieser junge Mann als Schriftsteller und schreibt Romane, bei deren Abfassung eine ganz ungewöhnliche Fülle von gelehrten Kenntnissen auf den Gebieten der Medizin, der Musik, der orientalischen Archäologie, aller europäischen Literaturen, ja sogar der Theologie und der Philosophie vorausgesetzt werden muß. Wird der Mann von 2256 es nicht unglaubhaft finden, daß diese Romane von einem Mann ohne höhere Bildung verfaßt sein sollen, kurz: daß Thomas Mann, aus der Obertertia abgegangen, wirklich den "Zauberberg", die "Joseph"-Romane und den "Doktor Faustus" geschrieben hat?

Im Falle Shakespeare ist die Glaubhaftigkeit nicht höher, aber auch nicht geringer. Sein Vater war Ratsmitglied, Stratford hatte eine Lateinschule, auf der man zwar kein Gelehrter wurde, aber doch seinen Ovid und Horaz lesen lernte. Genie ist ohnedies nicht kausal ableitbar. Aber daß ein geistig aufgewachter achtundzwanzigjähriger Mann von durchschnittlicher Bildung in der Berührung mit der vulkanisch glühenden Welt des gerade eben erst sich formenden Londoner Theaters von 1590 ungeahnte Kräfte in sich aufgerufen fühlt, daß er sich in dramatisierbare Stoffe vergräbt und ihre Problematik auch denkerisch zu bewältigen sucht – das ist zwar nicht alltäglich, aber doch keineswegs unmöglich, und wir haben nicht den mindesten Grund zu zweifeln, daß es sich so begeben hat.

Im äußersten Grade unwahrscheinlich dagegen wäre es, wenn dieser in zahlreichen Dokumenten und auf den Titeln gedruckter Ausgaben als Verfassen, von Dramen, Versepen und Sonetten angegebene William Shakespeare nur als "Strohmann" fungiert hätte. Denn dann müßte man annehmen, daß der gesamte Hof einschließlich der Königin Elisabeth und des Königs Jakob I. (die beide Shakespeare als Theaterautor persönlich auszeichneten) und dazu das gesamte Personal aller Londoner Theater und Druckereien in unvorstellbarer Einhelligkeit an der Verheimlichung des wahren Tatbestandes mitgewirkt hätten und daß auch nach dem Tode aller Beteiligten kein Sterbenswörtchen über den Schwindel verlautet wäre, bis der detektivische Scharfsinn heutiger Entdecker hinter den Schleier drang.