Man kann von den Sowjets nicht erwarten, daß sie eine Wahlniederlage der ostdeutschen Kommunisten in Kauf nehmen. Man kann von ihnen nicht erwarten, daß sie auf diese Art ihr Prestige bei den übrigen Satelliten gefährden. Man kann von ihnen nicht erwarten, daß sie die Zone freilassen, wenn sich daraus eine Stärkung der NATO ergibt. Wer ihnen solches zumutet, ist geistig in Unordnung."

Die Verkünder dieser schönen "Objektivität" sind Anhänger des gröbsten Blut- und Eisenglaubens. Wenn man keinem Staat zumuten kann, daß er etwas tue oder dulde, was ihm peinlich ist, gibt es keinen peaceful change, also keine gewaltlose Revision unhaltbar gewordener Zustände. Dann aber ist der Krieg Unvermeidlich, weil es undenkbar ist, daß sich zum erstenmal in der Weltgeschichte ein ewig haltbarer Zustand herausgebildet hat. – In Wahrheit erfolgt peaceful change nur dann, wenn ein souveräner Staat bereit ist, einen ernsten Nachteil auf sich zu nehmen, und das wird er ohne Krieg nur tun, um einem noch größeren Nachteil auszuweichen. – Die Antwort auf die Frage "Wie bringt man den Feind aus dem Lande?" lautet also: Indem man eine Lage schafft, in der den Sowjets die Freilassung ihrer deutschen Länderbeute als ein kleineres Übel erscheint, als die Nachteile, die ihnen sonst zustoßen würden.

Dazu gibt es im wesentlichen vier Mittel: Erstens ein Wettrüsten, bei dem den Sowjets der Atem ausgeht. Sobald sie erkennen, daß die Zeit militärisch gegen sie arbeitet, werden sie, um den Wettlauf loszuwerden, zu echten Zugeständnissen bereit sein. Dann werden sie der Entspannung nicht nur mit falschen Worten dienen. "Lieber Kanonen als Butter" wird sinnlos, sobald der Unzufriedenheit der Untertanen keine Aussicht auf Eroberungen gegenübersteht.

Das zweite Mittel ist, all das zu tun, was die Sowjets durch den Besitz deutschen Gebietes verhindern zu können hoffen. Auf diese Art drückt man den Preis, den sie für die Freilassung des Pfandes verlangen. Es ist hauptsächlich dazu bestimmt, die Bündnis- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik zu durchkreuzen. Führt man diese durch, so sinkt der militärische Wert des Pfandes mindestens um zwei Drittel. Das letzte Drittel ist die Hoffnung des sowjetischen Generalstabs, die Zone als Sprungbrett benutzen zu können. Diese Erwartung wird entwurzelt, wenn Deutschland mit der Seemacht verbunden bleibt, die in diesem Jahrhundert schon zwei Weltkriege gewonnen hat und auch den dritten gewönne.

Das dritte Mittel, den Feind hinauszubringen, ist, ihm die Besetzung von innen her zu verleiden. Die Angst vor dem Vorwurf, wer weit weg sei, habe leicht reden, darf uns nicht hindern, in aller Nüchternheit festzustellen, daß die Befreiung von Unterdrückung nie in der Geschichte ohne das freiwillige Opfer von Märtyrern gelungen ist. Andreas Hofer, die Schillschen Offiziere, Ludwig Beck und Stauffenberg schwangen keine Bittschriften. Auch die Nordafrikaner tun das nicht. Gewiß wäre der Widerstand gegen die feindliche Besetzung am wirksamsten, wenn dabei an den Tag käme, daß alle Satelliten im gleichen Boot sitzen.

Bei der Anwendung des vierten Mittels können die Deutschen nur mitwirken. Man würde den Kreml konzessionswilliger machen, wenn man seine Spaltungsmanöver gegen die Front der Freien mit gleicher Münze vergälte. Herr Chruschtschow schreckt die Briten und Franzosen mit der Achse Washington-Bonn. Ein guter Einfall. Hingegen welch trauriges Versagen der westlichen Diplomatie, daß ihr beim Zank um den UN-Sitz für die Äußere Mongolei nicht einfiel, an Mao Tse-tungs Ausspruch von 1936 zu erinnern: "Die Republik der Äußeren Mongolei wird automatisch ein Teil der chinesischen Föderation werden." (Er sagte damals auch: "Wir verlangen weder Korea noch Taiwan [Formosa]"). Man kann den kommunistischen Block nicht auflockern, wenn man immer auf den Mund gefallen ist.

Ein weiterer Ansatzpunkt für Spaltungsmanöver ist der Vatikan der Satanskirche. Zwiespalt im Kreml kann man nur säen, indem man ihm außenpolitische Niederlagen zufügt und sein Ansehen herabsetzt, nicht aber, indem man die Chef-Terroristen nach Schloß Windsor einlädt. Verschwörer kommen gut aus miteinander, solange alles glatt geht. Gibt es Schwierigkeiten, so machen sie einander Vorwürfe und gewinnen ihre gegenseitigen Haß- und Angstgefühle die Oberhand.

Robert Ingrim