Wir leben zwischen Wänden", stellte vor einiger Zeit eine bemühte Tapetenfabrik in ihrer Werbeschrift fest. Tatsächlich betont das Haus unserer nördlichen Breiten die Wand, vollzieht sich unser Leben vorzugsweise im Innenraum, der von ihren vier Flächen umschlossen wird, nicht in Gärten, auf Terrassen, im innigsten Zusammenhang mit der Außenwelt, nicht im Innenhof, den Säulen umstellen und in den man durch Bögen oder eine Pergola immer wieder aus dem Hause hinaustritt. Immer wieder hat man gegen den Zwang zur schützenden, aber auch einschränkenden Wand protestiert: das Mittelalter verhängte die rohen Mauern mit Bildteppichen und machte sie so durchlässig für die Phantasie. Der Barock (vom Süden kommend) löste die Wand durch illusionäre Perspektiven auf, die ins "Draußen", in verschlungene Architekturen und unendliche Gärten führten, verwandelte, vom östlichen Vorbild angeregt, den Salon in eine umblühte Laube, zauberte Volieren, Jagd- und Schäferszenen al fresco auf die Wand oder eine sie verhüllende Stoffbespannung. Um 1800 gedieh der Papierhanddruck, der zu einem Teile diese Motive übernahm, und seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts übertrug die Tapetendruckmaschine immer fader werdende Muster auf das unendliche Papier. Wir schließlich brechen — licht, luft- und sonnenhungrig und im Drange, die "Welt ins Haus" zu holen — große durchsichtige Flächen, kaum noch Fenster zu nennen, aus der Wand heraus und geraten so in Gefahr, im Glashause zu sitzen und in eine desillusionierende Wirklichkeit hinauszuschauen (wenn wir sie nicht eigens mitgestalten).

Der Protest gegen die Wand seheint nicht minder heftig, als der nördliche Hang nach Süden, ja, er dürfte die gleiche Quelle haben: den Wunsch, sich die entfremdete Natur, die entfernte Außenwelt wieder anzunähern. Trotz dieser auflockernden Bemühungen bleiben "unsere vier Wände" zum weitaus größten Teile unser Lebenshintergrund. Diese Einsicht hat zweifellos auch dazu geführt, sie von dem wilden und zufälligen Dekor unserer Großeltern, von den heraldischen Damast- und Blütenträumen auf Tapetenpapier zu befreien. Die wachsende Unruhe unserer Existenz verlangte nach mehr Ruhe in der täglichen Umgebung. Die einfarbige (oder einfarbig wirkende) zartgetönte, ja, rein weiße tapezierte oder gemalte Wand kam diesem Verlangen entgegen (was nicht heißt, daß sie die Streublümchentapete, die Nachfolgerin der heraldischen Greuel, vollends verdrängte). Außerdem aber erlaubte sie kräftigere Akzente im Räume: in Bildern, die um so besser zur Geltung kommen, im Vorhang, der durch die Fenstergröße eine ganz neue raumbildende Funktion erhielt, im M&belbezug, in der Kleidung der Bewohner. Initiator der "Reform der Wand" und in der Folge paradoxerweise auch der Reform der Tapete war, wie man weiß, das zunächst tapetenfeindliche Bauhaus in Dessau. Man wollte die Wand der Wandmalerei, jedenfalls aber den großen — abgetönten — Farbflächen zurückgewinnen. Immer wieder aber wird dem entschiedenen Verzicht auf jedes Wanddekor, der Überzeugung, daß wir heute kein echtes, das heißt "bedeutungsvolles" Ornament haben können, der Wunsch nach dem "belebendenMuster", nach einer "Anregung der Phantasie" entgegengestellt. Er ist keineswegs ein bloßes Zeichen von Rückständigkeit. Er entspringt einem legitimen menschlichen Bedüi nis oder eigentlich zweien: dem Bedürfnis zu spielen und sich in Symbolen auszudrücken. Und ohne Zweifel ist es verdienstvoll und bewahrt uns vor einem sterilen Purismus, wenn die Frage nach dem Ornament immer aufs neue ernsthaft geprüft und beantwortet wird. So ist auch der Vorschlag, den das regsame Landesgewerbemuseum in Stuttgart in einer kleinen Schau präsentiert, zu loben: der Vorschlag der Entwerferin Elsbeth Kupferroth, die beiden raumformenden Elemente — die feste Wand und die bewegliche Fläche des Vorhangs — innigst auf einander abzustimmen. So sehr, daß der Entwurf für beide von der gleichen Hand stammt, ja, noch mehr, daß der genau gleiche Entwurf einmal als Tapete erscheint und ein andermal als Vorhang. Das läßt Vergrößerung und Verkleinerung der Zeichnung zu, das gestattet farbliche Abwandlung, ja lädt dazu ein. Etwa so: weiße freischwingende Spiralformen erscheinen auf schwarzem Grund im Vorhang, auf einem kräftigen Grüngelb als Tapete, oder ein Borkenstreifen in Weiß und Lichtgrau für die Wand spiegelt sich im Steingrau und Gelb dei Vorhangs. Das ist eine reizvolle Anregung. Sie position der Raumelemente führen. Aber Elsbeti Kupferroths Vorschlag erfordert ein sicheres Urteil, ein Vermögen, an anderer Stelle zurückzutreten, zi verzichten, zum Beispiel in der Zahl, der farbiger Ausdrucksstärke, dem formalen Anspruch der raumfüllenden Möbel, Textilien, Teppiche — auch wenr. man den Vorhang nur mit einer gleichmustrigei Wandfläche kombiniert.

Die figürlichen und szenischen Tapeten der vorhir zitierten Tapetenfabrik (RaschJ sind ein ähnlichei Versuch. Sie trugen dazu bei, die vier Wände nichi mehr als Einheit zu sehen, sondern einer jeden — je nach ihrer Lage jm Raum und der besonderen Lebensfunktion, der sie als Hintergrund dient — ihr Eigenleben zu gönnen.

Das in Stuttgart gezeigte Experiment setzt voraus, daß Entwerfer, Tapetenfabrikant (hier die Marburger Tapetenfabrik) und Vorhangnersteller (in diesem Falle Pausa, Mössingen) Hand in Hand arbeiten. Und hier scheint mir fast die wichtigere Anregung zu liegen: nämlich durch eine solche — noch immer seltene — feste Zusammenarbeit dem Markt Produkte anzubieten, die sich entsprechen, die also dem Käufer eine sinnvolle Wahl erleichtern. Eine solche Zusammenarbeit müßte keineswegs diktatorisch wirkend zu Normung oder gar Uniformierung führen, sie ließe eine schier unabsehbare Vielfalt der "Abstimmungen" zu. In der von Elsbeth Kupferroth vorgeschlagenen Konsequenz wird sie nur mit Maßen und mit Vorsicht anwendbar sein. Die ornamentale Wand zwingt, je "ansprechender", je anspruchsvoller also das Ornament ist, um so mehr zu häufigerer Veränderung. Das hat man erfahren. Es ist fraglos hübsch und verlockend, im eigenen Räume öfters "die Tapete zu wechseln". Aber dann auch gleich den Vorhang? Wer kann" das? Für die meisten liegt im Wohnen ein Zwang zur Dauer. Und ein solcher Vorschlag kommt ja auf den allgemeinen Markt, zielt auf das breiteste Publikum. Es bleibt die Frage, ob sich unser Wunsch nach Veränderung, nach Beweglichkeit in unserer Wohnung, der ja zu unser aller Heil die Grundfesten der starren Möbelgarnitüren erschüttert hat, auf die Wände des Raumes übergreifen kann und soll. Ob wir unsere ornamentale Experimentierlust nicht lieber auf der beweglichen und durch Bewegung veränderlichen Fläche des Vorhangs des Bezugsstoffs für Couch und Sessel üben sollten. Man bewahre uns vor der Überwucherung mifc "Dessins", vor einer Überladenheit mit "Akzenten", vor einem "modischen Wohnen". Man vergesse nicht, daß es so gut modernistischen Unfug gibt wie veraltete Greuel. Immer noch ist der Mensch (seine Kleidung, seine Gestik, seine Mimik) der Mittelpunkt seiner Wohnung — und er muß zu allen auch noch so einleuchtend mit Zimrnermodellen operierenden Schauen hinzugedacht werden. Was er als Betrachter seiner vier Wände, aber auch als tätige rundum bewegliche Figur in ihnen an ornamentaler Zerstreuung erträgt, wird von seinem Temperament, seiner Tätigkeit und seiner Lebensform abhängen.