Badenweiler, im März

Bei Karlsruhe noch ist der Himmel düster und auf den Feldern liegt Schnee. Gleich hinter Freiburg aber kommt Bewegung in das Grau und Weiß: die Erde wird braun und feucht, der Tauwind zerrt an den Wolken und aus dem weißen Gebrodel zwischen Himmel und Erde, in dem die Landschaft den Frühling vorbereitet, rücken immer häufiger die Weinhügel mit den leeren, leichten Staketen bis dicht ans Gleis. Signum dieses Landes, graziösen Sinn und feurige Beschwingtheit verheißend. In Mülheim endet die Bundesbahn. Ein Bus wartet oder, wenn man Glück hat, ein Auto. Ein Stück Platanenallee, ganz südlich schon, fängt uns auf, und dann die Landstraße, die in sanften Schwüngen vorbeiführt an rundbogigen breiten Toren, lässigen Höfen, schwarzbraunen Obstbäumen und in leichter Steigung hinauf zu dem Ort: Badenweiler. Abends stapft man über eine verkrustete Schneebarriere in die Pension, in der einige ältere Paare bei Patiencen das letzte Winterstück überdauern.

In der Frühe gleitet man unschlüssig, fröstelnd, aber hoffnungsvoll im ersten Gang über blankes Eis den Kanderner Weg zum Blauen hinauf bis zum Schlößchen Bürgeln. Und dann steht man dort auf der zierlichen Freitreppe, wie auf einer Empore, den ernsten schwarzen Wald schützend im Rücken und von einem unbändigen feuchten Wind gepackt. Wind, der von Westen kommt und vor den Augen den Wintervorhang über der himmlischen Landschaft zerreißt. Und man kann sehen und hören, wie der Frühling geboren wird: Wolkentumulte über einem grünblauen Himmel und plötzlicher Glanz aus schrägen Strahlenbündeln; flüchtende Wolkenschatten über der Ebene, in die der unsichtbare Strom einen dunklen Streifen zieht. Im Westen ahnt man die schneeweißen Kämme der Vogesen und im Süden blitzt hin und wieder der Rhein auf, wie er vor Basel mächtig ins Knie geht. Frankreich ist nah und die Schweiz, und die Grenze verschwindet in der gleichsinnigen Landschaft hüben und drüben.

Die Einheimischen bestätigen, was der Fremde hofft: der Frühling ist aus diesem umhegten Vorplatz des Südens nicht mehr zu vertreiben. Er wird rasch und kräftig gedeihen, und in vier bis sechs Wochen blühen im Sehringer Tal die Obstbäume. Der Fremde trinkt einen Markgräfler auf den Neugeborenen.

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Drunten im Kurort geht es zu, wie kurz vor der Generalprobe. Die Hotels halten Großputz oder haben die Maler im Haus. Nur wenige Pensionen sind geöffnet, nur vereinzelte Kurgäste sind noch oder schon da. Der Ort rückt in den kleinen Gastwirtschaften zusammen und bleibt unter sich. Allerdings nur für eine kurze Atempause, denn um Ostern schon setzt die Saison mit dem vollen Akkord einer Besucherhöchstzahl ein und hält sich, nur wenig ab- und anschwellend, bis tief ins Jahr und noch oft weit über Allerseelen hinaus. (Badenweiler ist einer der klimatisch begünstigsten Plätze in unseren Grenzen.) Es konkurriert mit seinen Monatsdurchschnittstemperaturen – vor allem im frühen Frühling und späten Herbst – nicht unbedeutend mit Lugano. Wer bauen will, muß es in dieser schmalen Zeitlücke tun. Und alles baut, baut um, aus und an. Kurdirektor und Bürgermeister sehen im Verein darauf, daß die lockere individualistische Siedlungsform trotz sorgfältiger städtebaulicher Planung erhalten bleibt, daß nicht der rasche Aufstieg unter die "großen Kurorte" Badenweiler um seinen leiseren Charme bringt. Natürlich ist man interessiert an einem Zunehmen der Betten: in rund einem halben Jahrhundert hat sich die jährliche Gästezahl (die um die Jahrhundertwende mit 4000 begann) auf das Zehnfache, ja, in den letzten fünf Jahren allein um 60 vom Hundert erhöht. 1955 hat man eine halbe Million Übernachtungen erreicht und sogar etwas darüber, und dies bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von zwölf Tagen – Zahlen, aus denen Fremdenverkehrskundige das besondere Temperament eines Kurortes ablesen. (Baden-Baden mit seinem stärker fluktuierenden Besucherstrom hat zum Vergleich einen Aufenthaltsdurchschnitt von drei Tagen.)

Der Ostertermin gilt, die Gäste halten sich strikte daran und die Gastgeber können sich auch in diesem Jahre weder mit der Winterstrenge noch mit einem Aprilscherz (Ostern fällt auf den 1. April) herausreden. Der Eifer, das während des hier ungewöhnlichen Frostes Versäumte nachzuholen, hat sich mit dem ersten Tauwind verdoppelt. Zwar hat jeder seine eigenen Sorgen, aber wachsam und interessiert verfolgen alle 3000 Einwohner den Fortgang der Umbauarbeiten am Markgrafenbad. Es ist im genauen Wortsinne die Quelle ihres Wohlergehens. Noch stolpert man über Kies und Zementberge, noch überbrücken schwankende Latten offene Schächte, noch starren die großen neuen Spiegelglasscheiben vor den Läden schmutzig und leer. Aber man ist entschlossen, mit dem Vorgenommenen zum Termin fertig zu sein. Eine Vielzahl von Aufgaben war bei dem großen Badprojekt zu bewältigen: technische und ästhetische. Die Heizanlage mußte verlegt, Rohrleitungen erneuert, die Kabinen für die medizinischen Bäder um die Hälfte vermehrt, die hydrotherapeutische Abteilung modernisiert und erweitert werden. Es galt, den Neubau mit dem "Stil" von 1875, den eigentlichen "Gründerjahren" des Kurortes, zu versöhnen (und sogar diese fielen in dieser maßvollen Landschaft erträglich aus) und ihn dem durch Straße und Kurpark begrenzten Räume einzufügen. Die Lösung ist gelungen. Das neue Hallenbad öffnet sich mit großen Glaswänden und zwei Freiterrassen zur Stadtseite und zum Kurpark mit seinen Zypressen und Mammutbäumen, seinen Magnolien und Zedern. Man wird mühelos bei der geringsten Wetterwende vom Freibad ins Hallenbad wechseln können. Obwohl das 19. Jahrhundert sich mit kalter Marmorpracht ängstlich an das Vorbild der römischen Therme hielt, scheint uns trotz der veränderten technischen Mittel und Materialien, der moderne Bau die frei, leichte, "antikische" Geste gegen die Natur, den Ortsgeist, die heitere Atmosphäre der Heilung besser zu treffen. Denn die allgemeine Entspannung und Erneuerung, die nervliche Prophylaxe durch Schwimm- und Bewegungsbäder in den warmen Quellen wird gerade heute, da Abnutzungs- und Erschöpfungszustände an der Tagesordnung sind, ebenso wichtig genommen wie die Behandlung spezifischer Leiden: Rheuma, Kreislaufstörungen.