Die ZEIT hatte sich in ihrer Ausgabe vom 23. Februar an die Leserschaft gewandt, mit der Bitte, auf einem einzusendenden "Stimmzettel" darzutun, welches System nach persönlicher Ansicht vorzuziehen sei: ein Wahlrecht mit dem Charakter der Mehrheits- oder der Verhältniswahl. In der gleichen Ausgabe der ZEIT hatten Dr. Max Becker, MdB, als Wahlexperte der FDP, für das Verhältniswahlrecht und Hugo Scharnberg, MdB, als Sprecher der CDU, für das Mehrheitswahlrecht plädiert. Ein Aufsatz des in Wahldingen für seine Partei, die SPD, sachverständigen Bundestagsabgeordneten Dr. Menzel kam zu spät. Wir veröffentlichen diesen Beitrag, der im wesentlichen mit den Ansichten Dr. Beckers übereinstimmt, in dieser Nummer. – Die Leser der ZEIT mögen sich erinnern, daß unsere Wochenzeitung für eine eigene Lösung der Frage nach dem Wahlsystem eingetreten war. Dies mag unsere Versicherung unterstreichen, daß wir uns auch in dieser Sache überparteilich fühlen und daher die hier veröffentlichte Auswahl aus vielen hundert Zuschriften ausschließlich im Bemühen getroffen haben, keines der angeschlagenen Themen auszulassen. Skeptiker in unserer Redaktion – wohl wissend, wie kompliziert Wahlrechtsfragen ihrer Natur nach sind – waren überrascht, sowohl über die große Zahl der zum Teil sehr ausführlichen Zuschriften (die nur auszugsweise wiedergegeben werden können) als im besonderen über die Fülle der uns zugesandten "Stimmzettel", die ja nur von Menschen erwartet werden konnten, die ein aktives Interesse auch an sozusagen abstrakten Kernfragen der Politik haben: 1229 Einsender sprachen sich für ein Mehrheitswahlsystem aus; 331 für ein Wahlrecht nach Art der Verhältniswahl. – Unseren Lesern, die sich an dieser Umfrage beteiligten, möchten wir um so herzlicher danken, als es hier um eine der für die Demokratie wichtigsten Fragen geht, die in absehbarer Zeit und auf lange Dauer gelöst werden muß.

Das Beispiel Hamburg

Mit der Gegenüberstellung der Ausführungen von Herrn Dr. Max Becker und Herrn Hugo Scharnberg zur Frage des Wahlrechts hat die ZEIT dem deutschen Wähler meines Erachtens einen großen Dienst erwiesen. Da es sich bei beiden Herren um die Experten ihrer Partei handelt, darf man wohl ihre Argumente als im wesentlichen identisch mit denen ihrer Partei ansehen. Dabei zeigt sich allerdings sehr schnell, daß Herr Dr. Max Becker – menschlich wohl verständlich – den Wunsch hat, die Zusammenhänge so darzustellen, wie sie für die Existenz seiner Partei am günstigsten sind, wobei ihm allerdings verschiedentlich Fehlschlüsse unterlaufen.

Den Beweis dafür, daß die Verhältniswahl bei den Staatsbürgern das Interesse für Politik rege hält, wird Herr Dr. Max Becker wohl schuldig bleiben müssen. Die Entwicklung der Weimarer Republik und die allgemeine Reaktion der Bevölkerung auf die Koalitionsverhandlungen der Nachkriegszeit zeigen das Gegenteil. Gewiß hat die Weimarer Republik in der Krise (1930 bis 1932) ihren Todesstoß erhalten, aber doch im wesentlichen deshalb, weil die tragende Schicht der Wählerschaft sich auf Grund des Wahlsystems ständig an der Nase herumgeführt fühlte und schließlich resignierte.

Andererseits zeigt die letzte Hamburger Wahl gerade das Gegenteil von Herrn Dr. Max Beckers Ansicht bezüglich des Verhältnisses der überstimmten Gruppen bei der Mehrheitswahl. Keineswegs sind die mehrfach überstimmten bürgerlichen Gruppen von der Wahl ferngeblieben, im Gegenteil!

Die Bildung des Hamburg-Blocks zeigt, welche Aktivierung des politischen Interesses vom Mehrheitswahlrecht ausgeht. Hätte die Wählerschaft damit rechnen müssen, daß nach der Wahl erst wieder ein Kuhhandel um Ministersessel und Regierungsprogramme beginnt, so hätte ein großer Teil der Wähler es nicht der Mühe wert gefunden, zur Wahl zu gehen. Da beim Mehrheitswahlsystem sowohl Regierung wie Opposition ohne Ausflüchte zu ihrem einmal gegebenen Wort stehen müssen, gibt erst dies System der Wahl des einzelnen Wählers ihre Bedeutung. Oder man erinnere sich nur an die aus Koalitionsgründen notwendig gewesene Erweiterung der Ministerzahl in unserer derzeitigen Regierung, um zu erkennen, wieviel zweckmäßiger und sparsamer eine Regierung beim Zweiparteiensystem sein kann.

Herr Hugo Scharnberg meint zwar, die Schlacht sei aus. Möge jedoch dieser Impuls der ZEIT die Dinge neu in Bewegung bringen, ehe extremistische Elemente ihre Chance wiederum wahrnehmen können. Noch ist es Zeit.