London, im März

Die Vorgeschichte dieser Verfilmung von George Orwells letztem Roman, (die hier in London vor einigen Tagen ihre Uraufführung erlebte), ist ein interessantes Stück zeitgenössischer Geisteigeschichte: Orwell schrieb sein Buch vor zehn Jahren als eine Satire auf den modernen totalitären Polizeistaat. Die Idee ist einfach: Elemente des Stalinismus und des Hitlerismus werden in eine nicht allzuferne Zukunft und nach England verlegt, in die Periode nach dem dritten Weltkrieg. Drei Großstaaten teilen sich in die Herrschaft über die Erde. England gehört unter der Bezeichnung "Airstrip One" (Flugbasis Eins) zu dem nordatlantischen Großstaat Ozeanien. Während die Bevölkerung von einem steten Strom billiger Schundliteratur und Operettenmusik in einem Zustand animalischer Bewußtlosigkeit gehalten wird, ist die Partei von asketischer Geisteshaltung und eiserner Disziplin. Über dieser ganzen trostlosen Welt steht allgegenwärtig die Figur des Diktators, der keiner Namen hat, "Big Brother" (der große Bruder) genannt wird und dessen Porträt von jeder Wand starrt. Um die Haßgefühle der Bevölkerung zu kanalisieren hat. er einen mythischen Gegenspieler, den Führer der Widerstandsbewegung und Landesverräter – (also eine Art Trotzki-Figur), dem jeder Versager der Regierung in die Schuhe geschoben werden kann.

Für viele Engländer war es gruselig und amüsant zugleich zu sehen, was geschehen wäre, wenn der Hitlerismus oder Stalinismus in England zur Macht gekommen wäre. Orwells Buch war ein Erfolg – aber ein Bucherfolg berührt immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Als Massenunterhaltung war das Buch doch wohl zu intellektuell: nur wer etwas vom Trotzkismus wußte konnte den Witz der Satire verstehen.

Ende 1954 nun unternahm es die BBC (in einem Anfall von Verantwortungsbewußtsein) in ihren Fernsehdienst eine Dramatisierung des Buches zu senden. Eine einzige Fernsehsendung wird heute in England im Durchschnitt von fünf bis zehn Millionen Menschen gesehen. Die Sendung von "1984" löste zunächst einen Sturm der Entrüstung aus (DIE ZEIT Nr. 51/1954: "Grausamkeit im Wohnzimmer): Sadistische Szenen (das Verhör und die Folterung Winston Smiths durch die Gedankenpolizei) wären in das Heim von Millionen von Familien mit Kindern gebracht worden. Eine solche Sendung sei ekelerregend. Aber diese Reaktion zeigte nur, daß Orwells Werk, in der sehr geschickten Bearbeitung von Nigel Kneale, einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer gemacht hatte. Trotz aller Proteste wurde die Sendung wiederholt: und diesmal waren durch die Reklamewirkung des Skandals, die Hörer beziehungsweise Zuschauerzahlen noch höher als bei der ersten Sendung. Der Publikumserfolg im Fernsehen seinerseits führte zur Verfilmung. – Das Werk Orwells wird nun auf diese Weise weiten Kreisen auch außerhalb Englands zugänglich gemacht.

Allerdings verwässert der Film das Buch (und auch die sehr gewissenhaft gemachte Fernsehversion). Die Liebesgeschichte ist in den Mittelpunkt gerückt, die sprachliche Satire und die Seitenhiebe auf eine Vielzahl von Zeiterscheinungen sind beiseitegeschoben. Und vor allem: die Hoffnungslosigkeit des Endes ist gemildert. Statt wie im Buch zu bekennen "Ich liebe den großen Bruder", bricht der scheinbar kurierte und kirre gemachte Held am Ende in den Schrei gegen den Diktator: "Nieder mit dem großen Bruder" aus und wird von der Polizei niedergeschossen. Das Mädchen, das in der Menge die Szene beobachtet hat, stürzt auf ihn zu und wird ebenfalls erschossen. So finden sie sich noch im Tode.

Diese etwas sentimentale Betonung der "Unbezwinglichkeit des menschlichen Geistes" hat die Kritiker aufgebracht. Im Fernsehen wurde der Regisseur des Films, Michael Anderson, in einer Diskussion, bei der Auszüge aus der Fernseh- und Filmversion parallel gezeigt wurden, ziemlich rüde abgekanzelt. Und ein Purist erklärte: Diese Änderung des Buches zeige, daß wir 1984 um einen Schritt näher gekommen sind.

Aber dem Film "1984" ist der Publikumserfolg in Amerika und auch anderswo sicher: zwei amerikanische Stars, Edmond O’Brien und Jan Sterling,spielen den Helden und die Heldin des Films. Der ausgezeichnete englische Schauspieler Michael Redgrave ist der Inquisitor der Geheimpolizei. Und die von Orwell geschilderte Zukunftswelt von 1984 ist in wirklich eindringlicher und äußerst geschickter Weise lebendig gemacht: wir sind in London, einem durchaus erkennbaren London, das doch so ganz anders ist: von der Fassade der Nationalgalerie im Trafalgar Square starre ein riesiger Fernsehschirm, die Ministerien sind in phantastischen Luftschutzbunkern untergebracht, die aber offensichtlich im wohlbekannten Londoner Regierungsviertel stehen. Es ist ein London, das sich zum heutigen London so verhält wie Moskau 1913 zum heutigen Moskau – eine Mischung von Verfall und prunkvollen Neubauten, mit einer schlecht angezogenen Bevölkerung in Kaffeehäusern, in denen es nur ein Getränk gibt: billigen synthetischen Schnaps.