Von Oskar Jancke

Es gab einmal eine Art von Deutschunterricht, in dem den Schülern die Liebe zur Dichtung nach allen Regeln der Kunst ausgetrieben wurde. Zeile für Zeile wurde da so gründlich "interpretiert", daß vom Gedicht nur noch der "Gedankengang" übrigblieb. Inzwischen hat man so gut zu interpretieren gelernt, daß das literarische Kunstwerk nicht mehr beschädigt wird und es auch nicht mehr möglich ist, wie das manche Gegner wollen, die Interpretation als eine, wenn auch noch so feine Tautologie zu bezeichnen. Unter den Hochschullehrern hat das Emil Staiger in Zürich an erster Stelle gezeigt. Sein neues Buch:

Emil Staiger: "Die Kunst der Interpretation. Studien zur deutschen Literaturgeschichte." Atlantis-Verlag. 272 Seiten, 14,– DM

vereinigt eine Reihe von meist an entlegener Stelle veröffentlichten Arbeiten, die zeitlich von Klopstock und Wieland bis zu C. F. Meyer reichen und alle Kunstgattungen umfassen, aber der Lyrik am meisten gewogen sind. Denn sie ist ja der Inbegriff der Dichtung, die geläutertste Gattung des Sprachkunstwerks, und ihr beizukommen, Staigers besondere Gabe. Er ist Liebhaber und Freund der Dichtung und gerade darin fähig, neue Leser zu ihren Freunden zu machen. Schon seine methodische Einleitung, die um Mörikes Gedicht "An eine Lampe" kreist und die in einem Briefwechsel mit Heidegger ihren Abschluß findet, ist erstaunlich. Steht doch darin, daß auch der Literaturhistoriker außer der wissenschaftlichen Fähigkeit "ein reiches und empfängliches Herz" haben müsse, daß er die Aufgabe habe, gut zu schreiben, um der größeren willen, in "weiteren Kreisen den Sinn für Dichtung lebendig" zu halten. Und über die Interpretation erfährt man: "Das Interesse am Menschen, das dem Menschen eingeboren ist und vielleicht ein höheres, unserem Wissen noch unzugängliches Ziel verfolgt, erhält sie lebendig; und ihre Lust ist die unerschöpfliche Tiefe der Kunst." Das klingt subjektiv – aber muß man nicht bedenken, daß es die eine Auslegung des literarischen Kunstwerks gar nicht gibt? Aber Staigers Grundsätze treffen sogar auch auf die wissenschaftlichen Interpreten zu, und ich glaube, die guten wissenschaftlichen Interpreten von heute haben als Vorbild Schlegels Wilhelm-Meister-Kritik eher im Sinne, als irgendein professorales Muster. Auch das "Wagnis" des Stuttgarter Professors Fritz Martini wäre wohl besser geraten, hätte er von Staiger einiges angenommen. So aber ist

Fritz Martini: "Das Wagnis der Sprache. Interpretationen deutscher Prosa von Nietzsche bis Beim." Ernst Klett Verlag, Stuttgart. 529 Seiten, 27,– DM

in die merkwürdige Situation gekommen, die Staiger mit den Worten beschreibt: "Es ist seltsam bestellt um die Literaturwissenschaft. Wer sie betreibt, verfehlt entweder die Wissenschaft oder die Literatur." Ja, man muß leider sagen, daß Martini beides verfehlt, die Wissenschaft und die Literatur, weil er beides will, sich aber um den Leser gar nicht bemüht, für den die Literatur mindestens primär da ist. Statt dessen schickt er ihn wieder in die Schule, um ihm die Literatur auszutreiben.

Daß Dichtung ein Ereignis der Sprache ist, wissen wir längst. Nun will Martini zeigen, "in welchem Umfang gerade aus dieser Erfahrung heraus seit Nietzsche die Sprache selbst zum Gegenstand und Problem im künstlerischen Sprechen geworden ist und in welchem Maße die moderne Prosa zum Akt der experimentierenden Besinnung auf die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache wurde". Welche Übertreibung allein in diesem Ansatz, der einen Fortschritt in der Sprache voraussetzt, der ganz selbstverständlich ist, der für die Sprache überhaupt wie für die des Gedichts, des Romans und des Dramas gilt.