Es fällt schwer, eine literarische Kategorie zu finden, in die sich das Buch des ehemaligen Informationsministers der Regierung von Vichy, Benoist-Méchin, über Kemal Atatürk einordnen ließe:

Jacques Benoist-Méchin: "Mustafa Kemal – Begründer der neuen Türkei", übersetzt von Günther Vulpius, Eugen Diederichs-Verlag Düsseldorf-Köln, 384 S., 17,80 DM.

Denn es ist weder ein historische Studie, noch ein historischer Roman, noch eine Biographie. Es ist in der Gegend der Kolportage billigster Konvenienz beheimatet. "Schlaf, mein Kinddien, schlaf, mein kleiner grauer Wolf...", sagt die Mutter zu dem neugeborenen Mustafa, und der Autor knüpft daran die Betrachtung, ob sie vielleicht gewußt habe, daß der Wolf das Wahrzeichen der Steppennomaden gewesen sei, die 600 Jahre zuvor das anatolische Hochland erobert hatten.

Benoist-Méchin stellt Atatürk dar als ehrgeizig, kalt, blutbefleckt und mitleidlos, ausschweifend und der Freundschaft unfähig; andererseits aber als einen Mann, der immer recht hatte und der alles, was er tat, ins Interesse seiner Idee stellte. Jeder Versuch aber, die Widersprüche, die sich aus dieser Darstellung ergeben, psychologisch zu durchleuchten, unterbleibt.

Zweifellos war Atatürk, wie immer man über seine Methoden denken mag, ein großer Staatsmann. Auch waren für ihn Diktatur und Terror nicht Selbstzweck. Doch Benoist-Méchin unterläßt, was doch nach den Erfahrungen des Faschismus und des Nationalsozialismus unerläßlich gewesen wäre, den Unterschied zwischen einem autokratischen Regime als einer Übergangserscheinung und der Diktatur als Selbstzweck herauszuarbeiten. mr