In den bislang vorliegenden Geschäftsberichten der Banken für 1955 wird dem volkswirtschaftlichen Ablauf der Berichtszeit sehr viel Platz eingeräumt. Dabei sind nicht alle Institute so freimütig wie die National-Bank AG, Essen-Duisburg, die an die Spitze ihres Vorstandsberichts folgenden Satz stellt: "Das Jahr 1955 war gekennzeichnet durch guten Geschäftsgang in fast allen Wirtschaftszweigen. Es brachte infolgedessen auch unserer Bank keine Sorgen!" Sicher, die Banken der Bundesrepublik haben insgesamt ein selten gutes Geschäftsjahr hinter sich gebracht, besser wahrscheinlich, als es in den Bilanzen immer sichtbar zum Ausdruck kommt, aber daß es überall sorgenfrei verlaufen ist, möchten wir bezweifeln.

Zweifellos gesund ist der jetzt eingetretene Übergang zu einem normalen Wachstum, durch den die Zeit einer stürmischen Expansion beendet worden ist. Die hohen Gewinne wurden in erster Linie zur Stärkung der offenen und vor allem der stillen Reserven benutzt, daneben kamen sie den Aktionären in steigenden Dividenden zugute. Für 1955 wird der Standardsatz der Bankendividenden bei 10 v. H. liegen. Ob diese "Typisierung" berechtigt ist, steht auf einem anderen Blatt. Auf der HV der Vereinsbank in Hamburg wurde von Aktionärsseite dieses Thema gestreift und eine freiere Ausschüttungspolitik gefordert, die mehr den tatsächlichen Ertragsverhältnissen Rechnung trägt. Eines Tages muß der Zeitpunkt kommen, wo der Wettbewerb der Banken auch in unterschiedlichen Dividenden zum Ausdruck und die "Vorabverständigung" in Fortfall kommt. Heute liegt die Differenzierung auf einem anderen Gebiet, nämlich in der Einräumung günstiger Bezugsrechte. Wer hier einmal nachrechnet, wird auch im Großbankenbereich Unterschiede in der Aktionärsberücksichtigung feststellen können.

Niemand darf indessen in den Fehler verfallen, Bankbilanzen schematisch miteinander vergleichen und daraus allgemeine Schlüsse ziehen zu wollen. Das geht selbst bei den am gleichen Platz befindlichen Großbanken-Nachfolgern nicht, denn die Geschäftsschwerpunkte sind bei ihnen nur in den seltensten Fällen die gleichen. Es ist vielmehr Rücksicht zu nehmen auf eine voneinander abweichende Kundenstruktur, auf die völlig verschiedenen Beteiligungsverhältnisse und auf vieles andere mehr.

Es spricht nicht für die Weitsichtigkeit der Kritiker, die glauben, daß die jetzt überall erfolgte Anhäufung und Auffüllung der Reserven eine Unfreundlichkeit der Banken gegenüber ihren Aktionären darstellt, weil dadurch die Ausschüttungssätze beschnitten würden. Niemand sollte vergessen, daß die verflossenen acht guten Jahre für die Banken zwar ein hochwillkommenes Geschenk gewesen sind, weil sie die Reservebildung förderten, aber die alten Relationen Eigenkapital – Fremdkapital noch keineswegs wieder erreicht sind. Immerhin ist ein Fundament geschaffen, das einige Konjunkturstöße vertragen sollte. In den Bankvorständen ist man für die Zukunft auch keineswegs mehr so optimistisch gestimmt, wie es die anfänglich erwähnte Feststellung der National-Bank glauben machen könnte. Auch eine auf vollen Touren laufende Wirtschaft ist nicht krisenunempfindlich, zumal wenn der Kapitalmarkt nicht in Ordnung ist. Schwierigkeiten müssen bei den Kreditinstituten haltmachen, sonst lassen sich die Folgen nicht absehen. Bankenzusammenbrüche sind stets eine recht heikle Angelegenheit gewesen; deswegen ist eine Polsterbildung bei den Banken alles andere als die Errichtung von vielen kleinen Juliustürmen zu Lasten der Aktionäre. Die Kreditinstitute, die im Gegensatz zu den Industriebetrieben nur auf eine verhältnismäßig geringe Substanz zurückgreifen können, brauchen eine Manöveriermasse, nämlich stille Reserven. Die offenen Rücklagen sind ohne Schaden für den Ruf kaum angreifbar.

Bei der BayerischenStaatsbank, die in 1955 ihre Bilanzsumme um 8,7 v. H. auf 1,373 Mrd. DM ausweitete, fällt der Rückgang der Termineinlagen (um 51,4 Mill. DM oder um 5,6 v. H.) auf, der entscheidend durch Abzüge des bayerischen Staates und öffentlicher Körperschaften beeinflußt worden ist. Während beim bayerischen Staat die stärker beanspruchte Kassenlage maßgebend war, ist für die öffentlichrechtlichen Einleger vor allem der Übergang zur Anlage ihrer Mittel in Wertpapieren – hauptsächlich zwecks Förderung des sozialen Wohnungsbaues – bestimmend gewesen. Um den Rückgang der Termineinlagen auszugleichen, hat die Bank unter Ausnutzung der am Kapitalmarkt gegebenen Chancen und bewußter Inkaufnahme eines höheren Zinsaufwandes langfristige Gelder hereingenommen, so daß sich diese Position um 134 auf 303,9 Mill. DM erhöhte. Der größte Teil dieser Mittel wurde langfristig weitergegeben; den Uberhang von 99 Mill. auf der Passivseite benutzt die Geschäftsleitung zur Verbesserung ihrer Bewegungsfreiheit.

Bei der Frankfurter Bank, Frankfurt/Main, liegt die Zuwachsrate der Bilanzsumme mit 18,4 (23,8) v. H. noch beträchtlich über dem Bundesdurchschnitt, der mit 12,9 v. H. angegeben wird. Bei der Steigerung der Bilanzsumme auf 354 (300) Mill. DM sind die Relationen der wichtigsten Bilanzpositionen untereinander weitgehend unverändert geblieben. So stellte sich u. a. die Barliquiditãt wieder auf 13 (12,6) v. H. Die Gesamteinlagen stiegen von 250 auf 296 Mill., wobei die Steigerung der Einlagen von Kreditinstituten rund 10 v. H. und die der sonstigen Einlagen rund 20 v. H. beträgt. Innerhalb der Einlagen von Kreditinstituten ist infolge des verengten Liquiditätsspielraumes im gesamten Kreditapparat eine stärkere Tendenz zu den Sichteinlagen und innerhalb der sonstigen Einlagen wegen des Zinsanreizes ein Zug zu den Termineinlagen zu erkennen. Bei einem AK von 6 Mill. betragen die Rücklagen bei der Frankfurter Bank 5,1 Mill. DM. Eine Erhöhung des AK von 6 auf 10 Mill. (3 : 2, Ausgabekurs 100 v. H.) ist projektiert. Für 1955 wird eine Dividende von 10 (9) v. H. vorgeschlagen.

Eine Kapitalerhöhung will auch die Deutsche Hypothekenbank (Actien-Gesellschaft), Berlin-Hannover, vornehmen, und zwar um 2,8 auf 8,4 Mill. DM (2 : 1, Ausgabekurs 110 v. H.). Ebenso wie die Hypothekenbank in Hamburg sollen für 1955 8 v. H. Dividende ausgeschüttet werden. Für die Realkreditinstitute lag die gute Zeit des Jahres 1955 in den ersten neun Monaten. Die im September vorgenommenen Kreditrestriktionen hemmten dann das Geschäft erheblich. Die Lage wurde darüber hinaus nachteilig durch die bis Ende November völlig fehlende Kurspflege bei den öffentlichen Anleihen beeinflußt. Da die Dt. Hypothekenbank darauf verzichtete, die Kurse ihrer Kapitalmarkttitel in der Mitte des Geschäftsjahres wesentlich über pari heraufzusetzen, brauchte sie die allgemein erforderlich werdenden Kurskorrekturen nach unten nicht mitzumachen. Die Bilanzsumme konnte im Berichtsjahr beträchtlich ausgeweitet werden (von 121 auf rund 230 Mill. DM). In der Bilanz werden die im Umlauf befindlichen Schuldverschreibungen mit insgesamt 154,7 und die aufgenommenen langfristigen Darlehen mit 43,1 Mill. DM ausgewiesen. K. W.