In den vergangenen Jahren boten die Begegnungen zwischen Studenten aus Ost- und Westdeutschland fast immer das gleiche Bild: Sobald die Diskussion auf östlich-ideologische Fragen geriet (und das geschah mit Sicherheit), zeigten sich die westdeutschen Kommilitonen ihren gedrillten Kontrahenten hilflos unterlegen. Diese Erfahrungen veranlaßten Studenten in der Bundesrepublik, eine ganze Reihe von Arbeitsgemeinschaften zu bilden, die sich mit Ostfragen beschäftigen. Allein an der Hamburger Universität gibt es gegenwärtig ein rundes Dutzend derartiger Gruppen.

Mit Ausnahme des Arbeitskreises Ost, der sich durch seine besonders intensive Tätigkeit über Hamburgs Grenzen hinaus einen Namen gemacht hat, sind sie an schon bestehenden Institutionen (politische Gruppen, Verbindungen, Studentengemeinden, den Historischen Club, das Europa-Kolleg) angegliedert. Die Aktivität all dieser Gruppen, die das östliche Herrschaftssystem und seine Philosophie, den dialektischen Materialismus, mit wissenschaftlicher Gründlichkeit studieren, wird jenseits der Elbe mit äußerstem Mißbehagen beobachtet. Mehr noch: Es werden keine Kommilitonen mehr zu den "gesamtdeutschen" Studententagungen eingeladen, die an einer solchen Ost-Arbeitsgemeinschaft teilgenommen haben – weil sie "das Trennende, zu sehr in den Vordergrund rücken". Man wünscht sich nämlich Studenten, "die die Dinge noch unvoreingenommen betrachten" und die also den klug ersonnenen Diskussionsplan nicht über den Haufen werfen – wie das sehr zum Ärger der Ostfunktionäre in jüngster Vergangenheit mehrfach geschah. Daß es trotz aller vom Osten getroffenen Vorsichtsmaßregeln durchaus möglich ist, den Verlauf einer solchen Veranstaltung zu beeinflussen, zeigte sich bei dem vom 29. Februar bis 5. März in Rostock veranstalteten "Treffen norddeutscher Studenten". Den westlichen Teilnehmern aus Hamburg, Kiel, Münster und Aachen gelang es, die Sterilität der vorgesehenen rein fachlichen Erörterungen (für die Wirtschaftswissenschaftler hieß das Thema: Die Arbeitsproduktivität im Schiffbau), zu durchbrechen und zu einem offenen politischen Streitgespräch zu kommen, bei dem sogar – entgegen dem östlichen Plan – "normale", das heißt nicht ausgewählte Kommilitonen der Rostocker Universität als Zuhörer anwesend sein konnten.

Man täte im Westen gut daran, derartige Zusammenkünfte – solange von drüben überhaupt noch Interesse gezeigt wird – mit mehr Nachdruck zu fördern und nicht jeden scheelen Blickes zu verfolgen, der sich an den gesamtdeutschen Tisch setzt.

H. Gresmann