Nachwort zu einem Reiseführer

Italien, das südliche Land der Sonne und des Lichtes, ist alljährlich Hauptreiseziel deutscher Urlauber. Um in fremder Umgebung sich zurechtzufinden, und keine historische Stätte oder Sehenswürdigkeit auszulassen, kauft man sich vor Antritt der Reise einen Reiseführer. Der Kiepenheuer und Witsch-Verlag in Köln verband in löblicher Absicht das Gute mit dem Nützlichen und gab im vergangenen Herbst einen "Führer durch Italien" heraus, gut aufgemacht, eine Glanzleistung deutscher Verlagsproduktion.

Leider auch, und das ist der Anlaß für einen Nachruf auf diesen Reiseführer, ein Dokument politischer Instinktlosigkeit. Jedenfalls in seinem ersten Band: "Von den Alpen bis Florenz." Hierin wird auch der zu Italien gehörende, nach dem ersten Weltkrieg von Tirol abgetrennte deutschsprachige Teil Südtirols behandelt, und zwar in einer für Deutsche sonderbaren Art.

Dr. Sylvius Magnago, einer der prominentesten Südtiroler, der 42jährige deutschsprachige Präsident des Regionalrates von Bozen und Trient, also des Parlaments von Südtirol und Welschtirol, schickte am 22. Oktober 1955 ein Protestschreiben an den Leiter des Verlages Kiepenheuer und Witsch, in dem er in sachlicher Form auf die seltsame Reisebeschreibung des deutschsprachigen Südtirol einging. Er erhielt nie eine Antwort. Dr. Magnago wandte sich daraufhin an den damals zuständigen Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, legte die Abschrift seines Schreibens an den Kölner Verlag bei und erhielt wieder keine Antwort!

Daraufhin übergab mir Dr. Magnago einen Durchschlag seines Schreibens mit der Ermächtigung, es ganz oder teilweise in der deutschen Presse zu veröffentlichen. Was hiermit geschieht; nicht zu politischer Propaganda, sondern als Akt der Höflichkeit, aber auch als Rechtfertigung des im Kampf um seine Sprache und Kultur stehenden Volkes der Südtiroler.

Der Brief Dr. Sylvius Magnagos vom 22. Oktober 1955 hat auszugsweise folgenden Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Verlagsleiter! Vor einigen-Tagen bekam ich obengenanntes Buch in die Hand und erachte es als Südtiroler nützlich und als meine Pflicht, Sie auf verschiedene, darin enthaltene Dinge aufmerksam zu machen, die auf die Südtiroler verletzend wirken, aber auch für den Fremdenverkehr Südtirols sicherlich keine Förderung darstellen. Wenn dieses Buch in Italien gedruckt oder übersetzt worden wäre, so könnte man dies noch zum Teil verstehen und entschuldigen, da es im Interesse Italiens liegen könnte, dem Ausland vorzumachen, daß Südtirol italienischer ist als andere italienische Provinzen.