"Cäsar wollte mit dem Schwert regieren, und ein Messer hat ihn doch gefällt."

Wegen dieser zwei Verse wurde die Aufführung des Singspiels "Silbersee" 1933 untersagt, und ihr Autor erhielt Schreibverbot. Ein sonderbar ironischer Zufall wollte es, daß dieser Autor selber den Namen des Mannes führte, dessen Ermordung "an des Märzes Iden" (vor nun genau 2000 Jahren) er dem Diktator von 1933 als Warnung vorhielt: Georg Kaiser hieß er – ein widerwilliger Zeuge also für jenen Vorgang, der in der Weltgeschichte völlig vereinzelt, aber sehr sinnbildhaft dasteht: daß der Eigenname eines Menschen zur Bezeichnung für eine, ja für die schlechthin höchste Herrscherwürde wird und von hier aus dann in einem modernen Volk, analog zu König, Herzog, Fürst und Graf, als bürgerlicher Familienname Verwendung findet.

Wir vergessen ja zumeist, daß der "Kaiser Augustus", von dem das Gebot ausging, daß jedermann sich schätzen ließe, für den Evangelisten "der Cäsar Augustus" war, und daß jenes Jesuswort über den Zinsgroschen anriet, "dem Cäsar zu geben, was des Cäsars ist" – ein Zeichen, wie früh der Eigenname des Staatsmannes, der die Königswürde ausgeschlagen hatte, zum vornehmsten Herrschertitel geworden war. Und auch das ist gewiß nicht einfach ein Zufall: daß in späteren Jahrhunderten der Eigenname Cäsar als Herrschertitel gerade in den Sprachen jener Völker fortlebt, deren Herrscher auf die Würde des Weltmonarchen Anspruch erhoben. Nur im Deutschen und im Russischen ("Zar") findet sich diese Gleichsetzung, während die anderen Sprachen zu dem politischen Titel für den Herrscher des römischen Reiches, "Imperator", zurückgekehrt sind (Empereur, Emperor und so fort). Der Kaiser und der Zar sind also nicht nur begrifflich "Imperatoren", davon könnte es mehrere geben, sondern sie sind der eine Cäsar, Erben nicht seines Titels, sondern seines Namens – nicht des Unpersönlichen, sondern des Persönlichen. Sie sind Cäsar in Person. Obwohl sie des Märzes Iden nicht zu fürchten brauchen wie er...

Diese unvergleichbare Intensität des Nachruhms muß mit dem zusammenhängen, was an Caius Julius Cäsar selbst das Mehr-als-Politische war – eben das Persönliche. Erobert hat auch Alexander, und sehr viel weitere Gebiete als Cäsar; das Imperium Romanum geeinigt hat auch Augustus, und viel dauerhafter als Cäsar. Die wenigen Jahre, in denen Cäsar unbestritten die Macht hatte, waren kaum mehr als eine Episode. Das Quantitative des Erfolges spricht nicht für Cäsars immense Geltung vor der Nachwelt. Gewiß lassen sich Leistungen und auch "Verdienste" für die künftige abendländische Kultur aufzählen (von der Romanisierung Galliens bis zur Rationalisierung des – "julianischen" – Kalenders). Aber welcher bedeutende Staatsmann der Antike hätte nicht gleichfalls Leistungen und Verdienste solcher Art aufzuweisen? Es muß sich bei Cäsar um mehr gehandelt haben, als um Erfolg, Leistungen und Wirksamkeit in die Zukunft. Aber um was?.

Vielleicht gibt die Anekdote Auskunft. In dem berühmten militärischen Dreiwortebericht aus Asien "Veni, vidi, vici" kann man ein glänzendes Bonmot sehen, eine stilistische Pointe – aber auch den künstlerischen Ausdruck eines eigentümlich konzentrierten Ichbewußtseins. Das Wort an den Bootsmann bei der Überfahrt zur Entscheidungsschlacht: "Gib acht, du fährst Cäsar und sein Glück!" zeugt von einer fast unantiken oder doch zumindest überantiken Einsamkeit des tätigen Geistes, der sich weder an die Götter noch an sein Vaterland hält, sondern in einem alles dies übersteigenden Auftrag zu handeln glaubt. Seine patrizische Herkunft sagte ihm nichts; sie bewahrte ihn nur davor, sich mit irgend etwas anderem solidarisch zu fühlen. Er, der aus dem ältesten Geschlecht (in gerader Linie von Venus und ihrem Sohn Aeneas) abstammte, nimmt ohne jede standesgemäße Pietät die Werkzeuge für seinen Aufstieg zur Macht so, wie sie sich ihm bieten: unter den Desperados, unter den Konjunkturrittern, unter den Korrupten – nur nicht unter den Biederen, den Traditionsgläubigen und den Bewahrern politischer Spielregeln. Daher der Haß aller derer, die an festen Mustern für das Leben hängen – von Cicero und Brutus bis zu Robespierre und bis zu Georg Kaiser. Daher aber auch die Zuneigung Shakespeares, die Bewunderung Bernard Shaws (der in Cäsar geradezu die Inkarnation "schöpferischer Entwicklung" erblickte) und die durchaus wohlüberlegte Verehrung Friedrich Gundolfs, der die These aufstellte und begründete, Cäsar sei der größte Mensch gewesen, der je gelebt hat.

Mit dem Prädikat der "Größe" sind wir sparsam geworden, und Cäsar der Held gehört der Vergangenheit an. Aber so wenig die Bücher "De Bello Gallico" vom lateinischen Lektüreplan verschwunden sind, so wenig hat Cäsar der luzide Geist, Cäsar der denkende Täter das Interesse der Mitlebenden von heute verloren. Max Brod (in seinem schönen Doppelporträt-Roman "Armer Cicero") konfrontiert den Herrscher, der um die Grenzen seiner Macht weiß, mit dem philosophischen Kopf, dem die Reflexion den Nerv des Handelns lähmt – und Thornton Wilder ("Die Iden des März") sinnt einem Cäsar nach, der sehr wohl imstande ist, seinen Weg an die Macht topographisch zu bestimmen: "Die Römer sagen, ich hätte sie der Freiheit beraubt. Aber es gibt keine Freiheit außer: in Verantwortung. Deren kann ich sie nicht berauben, denn sie kaben keine."

So gesehen, sind auch "des Märzes Iden" kein Zufall gewesen. Mußte nicht vielleicht Cäsar so scheitern, wie Sokrates – am Erfolg gemessen – "gescheitert" ist, weil auch seine Existenz ein Gedanke erst für übermorgen war? Augustus mag davon eine Ahnung gehabt haben, als er Cäsar unter die Götter versetzen ließ. Mit dieser religiösen Weihe mochte bekundet sein, daß das Sterbliche an Cäsar den Opfertod vom "Messer" des Brutus erlitten hatte. Christian E. Lewalter