Wie es zwei deutsche Staaten gibt, zwei deutsche Armeen, zwei deutsche Hauptstädte, so gibt es auch zwei "Börsenblätter für den deutschen Buchhandel". Das, von dem hier die Rede sein soll, erscheint in Leipzig und wird vom V. E. B. Verlag für Buch- und Bibliothekswesen verlegt: Keine Sehnsucht nach bibliophilen Kostbarkeiten steigt auf, es reizt kein literarisches Experiment, und kein seliger Seufzer entsteht angesichts der überquellenden Fülle an Lesestoff, wenn man die Frühjahrsmessenummer dieses Blattes durchblättert. Nichts dergleichen spürt man beim Studium der 3420 Titel, jener "stolzen Bilanz", wie das Angebot der 115 sowjetzonalen Verlage bezeichnet wird.

Als eine "noch vorhandene Schwäche in der buchhändlerischen Arbeit" bezeichnet das Börsenblatt zunächst die geringen Anteile an Lyrikbänden (33 Titel). "Die Diskussion ‚Lyrik – wenig gefragt?‘ sollte deshalb nicht als beendet angesehen werden", wird empfohlen. Am meisten angeboten wird schöngeistige Literatur (26,2 Prozent). Aber das Wiederaufleben der deutschen Klassiker zwingt zu einem wehmütigen Vergleich: Zum 100. Todestag Heinrich Heines finden sich gleich fünf Verlage bereit, seine gesammelten Werke neu herauszubringen – in Westdeutschland keiner. Nicht minder wehmütig stimmt der Vergleich der Preise: durchschnittlich kostet ein Buch 4 bis 5 Mark, "Gegenwartsschriftsteller in Ganzleinenausgaben" nur 3,50 Mark. Zugegeben, man weiß warum, aber besser wäre es schon, der Vergleich mit westdeutschen Preisen würde nicht gerade bei der geistigen Nahrung zu hinken beginnen.

Übersichtlich und durchsichtig rollt auf 300 Seiten der Fahrplan der kommunistischen Weichensteller vor den Augen eines westdeutschen Betrachters ab:

Die laute Aggression bleibt überwiegend dem Dietz Verlag, Berlin, vorbehalten, der die "Besorgungen des Marx-Engels-Lenin-Stalin-Instituts beim Zentralkomitee der SED" herausbringt. Wie nicht anders zu erwarten, behandeln sämtliche politischen Ankündigungen den Marxismus, die Arbeiterbewegung oder den "verwerflichen amerikanischen Imperialismus". Politiker wie Ulbricht und Pieck beschränkten sich in ihren Publikationen darauf, die jüngste deutsche Geschichte zu diffamieren.

Bei Hütten & Loening finden sich unter den Ankündigungen einige westliche Autoren: Heinrich Böll, Romain Rolland, Walter Scott, Stendhal, Zola und Dickens. Aber auch Titel wie "Die USA und Japan bei der Vorbereitung und Entfesselung des Krieges im Stillen Ozean 1938–41" oder "Scharnhorst – der Schöpfer der Volksbewaffnung" werden hier verlegt.

Ob es sich um Pädagogik, Technik oder eine andere Wissenschaft handelt – überall sind auffallend viele slawische Autoren. Das einzige Buch über Psychologie stammt von einem Polen, der auf 134 Seiten die "Entwicklungspsychologie" umreißt. Die Schulempfehlungen des Volk und Wissen-Verlages erinnern an die NS-Jahre: "Bilder zur Deutschen Geschichte, 1848–1945", auf 160 Seiten. Aber die "Vorbereitung des Lehrers auf den Geschichtsunterricht" ist eine Übersetzung aus dem Russischen, "Die Unterweisung im Kindergarten" sind Beiträge sowjetischer Pädagogen. Wie können sowjetzonale Juskandidaten deutsches Recht sprechen lernen, wenn als Lehrbücher zum Beispiel im Deutschen Zentralverlag, Berlin, zwei Bände mit 1200 Seiten über "Sowjetisches Zivilrecht" erscheinen, während "Das Zivilrecht der DDR" lediglich im allgemeinen Teil auf 300 Seiten abgetan wird?

Beim Anblick der ganzseitig aufgemachten Vorankündigungen junger Romanautoren des Mitteldeutschen Verlages (mit Photographien der Verfasser) blättere man besser schnell weiter, damit man nicht in Versuchung komme, von diesen erschreckenden Gesichtern auf ihre Geistestraktate zu schließen. Man könnte Vorurteile bekommen. Daß die meisten zeitgenössischen Autoren im Westen unbekannt sind, läßt nicht zwingend auf die Qualität ihrer Werke schließen. Auffallend ist immer wieder nur bei allen Verlagen der hohe Prozentsatz an russischen Verfassern. Ein Sartre wurde neu aufgelegt, ein Thomas Mann. Und klein, ohne besonderen Vermerk, heißt es, daß für das Photobuch "Lied der Ströme" ein gewisser Pablo Picasso den Einband gestaltete.