Auf einer Konferenz von 400 Justizfunktionären, an der auch Frau Hilde Benjamin teilnahm, erklärte der Rektor der "Akademie für Staat und Recht", Professor Kröger (SED), daß die Juristen der Zone noch nicht hinreichend von der marxistisch-leninistischen Ideologie durchdrungen seien. Einflüsse aus Westdeutschland und Westberlin hemmten die Entwicklung zum Sozialismus in der Sowjetzone. Weiten Kreisen der Bevölkerung fehle der Glaube an die Kraft des Sozialismus, ferner herrsche beim Mittelstand und bei den mittleren Bauern noch die Eigentümer-Ideologie und das "rechtsstaatliche Denken". Die Abwendung vom rechtsstaatlichen Denken bedeutet in der Praxis, daß Justizminister Hilde Benjamin ihrem blinden Haß gegen Abwerber und Republikflüchtlinge freien Lauf lassen kann und daß das Ausleihen eines Rucksacks genauso oder schwerer bestraft wird wie Mord, Totschlag oder Sittlichkeitsverbrechen. Hier einige Proben sowjetzonaler Rechtsprechung.

Zuchthaus für Einkäufe

Prenzlau, Januar 1956. Weil sie in Westberlin für 4000,– DM Ost Waren gekauft hatte, verurteilte die Strafkammer des Kreisgerichts Prenzlau die 44jährige Liselotte Hermann aus Prenzlau im Januar zu fünf Jahren Zuchthaus, Vermögenseinziehung, Einziehung der in Westberlin gekauften Waren und zur Zahlung der Gerichtskosten.

Zuchthaus für "Abwerbung" –

Chemnitz, Januar 1956. Der 1. Strafsenat des Bezirksgerichts Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) verurteilte die 50jährige Edith Theis aus Hohenstein-Ernstthal zu acht Jahren Zuchthaus, weil sie mindestens fünf junge Menschen zur Republikflucht veranlaßt habe.

Aus dem gleichen Grunde erhielten der Gastwirt Johannes Härtel aus Hartenstein vier Jahre Zuchthaus (Abwerbung von zwei Menschen) und Ottilie Herrmann aus Schönlinde drei Jahre sechs Monate Zuchthaus (Abwerbung von drei weiblichen Fachkräften).

... und versäumte Ablieferung