Diskrete Bilder deuten Haltung und Aufgabe der jungen Repräsentanten eines Herrscherhauses

In einer Zeit, in der das allgemeine Interesse für die verbliebenen oder verblichenen Herrscherhäuser Europas sich vornehmlich aus zweifelhafter "Memoiren" und aus "sensationellen Enthüllungen" nährt, darf man einen farbigen Bildband als besonderes Labsal empfinden: Jean-Etienne Liotards "Die Kinder der Kaiserin (mit zwölf farbiger Bildtafeln, Insel-Bücherei).

Das Bändchen ruft auf eine ästhetisch bezwingende, nachdenklich stimmende und diskrete – kurz, auf eine angemessene Weise die Erinnerung an eine der größten und schicksalsreichsten Fürstenfamilien des Abendlandes wach, und doch bedient auch dies Büchlein sich der "Illustration", des "eingängigen" Bildes. Wobei es sich hier natürlich nicht um "Privataufnahmen" aus zweiter Hand handelt, die sonst immer beweisen müssen, daß Herrscher gelegentlich auch schlecht sitzende Anzüge und einen törichten Gesichtsausdruck tragen, also "auch nur Menschen sind". Auch werden diese Bilder hier nicht verbrämt von Domestikenklatsch und Hintertreppenwahrheiten. Sie sind vielmehr entstanden aus der unmittelbaren Begegnung eines scharfsichtigen und liebenswürdigen Künstlers mit den fast noch kindlichen Repräsentanten einer hohen Würde. Einer Würde, die sich – vielleicht ein letztes Mal – unbefangen als "von Gottes Gnaden" empfand und daraus Stolz und Demut zog. (Der Text, den Frieda Baerli diesen zeitgenössischen Bilddokumenten beigab und der die späteren Schicksale der Dargestellten andeutet, weist immer wieder auf den historischen Augenblick hin.)

Würde hinter zarter Anmut

In den zwölf Porträts, die der weitläufige, ja abenteuerliche Genfer Maler Jean-Etienne Liotard 1761 malte (in der Reihe der sechzehn Kinder der österreichischen Kaiserin fehlen hier die drei ganz jung verstorbenen Töchter und der 1756 geborene jüngste Sohn Maximilian), erscheint das Historische, das Monumentale der "Fürstlichkeit" zwar auch für einen Augenblick ins Private, Familiäre, ins "Allgemein-Menschliche" gerückt, aber das geschieht ohne die mindeste Indiskretion, ohne jede Verniedlichung ins Bloß-Genrehafte. Nirgends wird das Charakteristische von der zeitgenössischen Stilisierung zugedeckt. Und vielleicht konnte dies nur gelingen, weil der Maler hinter der zarten Anmut dieser jugendlichen Gesichter eben jene historische Würde erkannte, die den Kindern Maria Theresias auferlegt und eingeprägt war. Die aufrechte Haltung, der sehr gerade und fast immer ernsthafte Blick dieser kleinen Damen und Herren des Dixhuitieme verraten dem Aufmerksamen eine Entschiedenheit und Willensstärke, die einige aus dieser Geschwisterreihe in äußersten Prüfungen zu bewähren hatten.

Das so lange glückliche Österreich hatte, als diese Bilder entstanden, den Höhepunkt seiner Machtentfaltung überschritten. Schon die Kindheit Maria Theresias war überschattet gewesen von der Sorge um den immer noch fehlenden männlichen Erben. Die sanctio pragmatica, durch die Kaiser Karl VI. seinem Hause die weibliche Erbfolge sichern wollte, war teuer erkauft worden und mußte von Maria Theresia nach ihrem Regierungsantritt noch einmal – nicht minder teuer – bezahlt werden. Die Chronik der Jahre zwischen ihrer Vermählung mit Franz Stephan von Lothringen (1736) und dem Frieden, der 1763 den Siebenjährigen Krieg beschloß, verzeichnet so viele Kriegszüge wie Geburten, so viele Niederlagen wie persönliche Verluste. Von den 16 Kindern, die Maria Theresia gebar, starben ihr sechs im Kindes- oder frühen Jugendalter. Unter ihnen waren Karl Joseph Ernanuel, der in dem Bilde Liotards etwas trotzig und verhalten von seiner Malerei aufsieht und in den die Kaiserin offenbar große Hoffnungen setzte, und Maria Josepha, die mit König Ferdinand von Neapel hatte vermählt werden sollen. Zwar erwuchs Österreich aus der liebevollen und fruchtbaren Verbindung zwischen Maria Theresia und Franz eine Schar von Töchtern, die man nach österreichischem Brauch gut, das heißt politisch wirksam verheiraten konnte; aber diese Heiraten dienten fast nur noch dazu, Verlorenes zurückzuholen und die auseinanderstrebenden Teile der Hausmacht neu zu verklammern.

So waren Neapel und Sizilien im Tausch gegen die Garantie der Pragmatischen Sanktion verlorengegangen. Neapel aber gehörte in Maria Theresias Augen zu Habsburg und damit zu Österreich. Ihre Tochter Maria Caroline, die dritte dieses Namens, die ihr schließlich erhalten blieb, mußte an die Stelle der verstorbenen Josepha treten und Königin von Neapel werden. Deutlicher als durch diesen Austausch der Bräute kann die erstaunliche Härte der sonst so mütterlichen Kaiserin in den Heiratsfragen ihrer Kinder kaum dokumentiert werden.