Paris, Ende Februar

Wieder einmal gibt es einen Plan, die Halles – den sogenannten ventre de Paris – zu verlegen. Ob er sich diesmal verwirklichen läßt? Zu viele Interessen, zuviel Tradition und zuviel Trägheit stehen dem dagegen, obwohl es sich dabei um ein sehr dringendes Problem handelt, das nicht nur Paris, sondern ganz Frankreich angeht. Les Halles, dieser große Markt im Zentrum von Paris, hat sich seit der Zeit, da Napoleon der Dritte ihm die jetzige Form gab, nur um den fünften Teil vergrößert. Damals war er ein Modell rationaler Technik gewesen; aber Paris hat seither seine Bevölkerung verfünffacht und seine Bedürfnisse verzehnfacht.

Die Halles haben keinen Platz mehr. Eingeengt zwischen einem Gewirr malerischer Gäßchen und Sträßchen wächst dieser chaotische Basar für Obst und Gemüse in die Höhe. Endlose Reihen von Lastwagen verstopfen jede Nacht die Zufahrtsstraßen. Fischkästen türmen sich auf den Bürgersteigen und verströmen maritimen Geruch. Oft riecht’s faul im ganzen Viertel. Man hat ausgerechnet, daß während der heißen Jahreszeit der vierte Teil aller Waren verdirbt.

Nachdem die Fahrer die ganze Nacht gewartet haben, daß ein Plätzchen frei werde, steigen sie beim Morgengrauen verschlafen aus ihren Wagen und laden dort, wo sie sich gerade befinden, ihre Orangen, ihren Salat oder ihre Fische ab, dann fahren sie weiter. Natürlich verteuert diese lange Wartezeit das Gemüse über Gebühr: Der Transport vom Bahnhof bis zu den Halles kostet mehr als die ganze Bahnfracht von Boulogne nach Nizza quer durch Frankreich. Aber da ist nichts zu machen: Die Halles, die als Zentrum der Verteilung des Gemüses für ganz Frankreich gedacht waren, haben nun einmal dies Privileg. So braucht eine Languste, die in Biarritz gefischt wurde, mehrere Tage, ehe sie auf den Ladentisch eines der Fischgeschäfte im nahen Bordeaux kommt, denn zuerst muß sie Hunderte von Kilometern fahren – nach Paris in du Halles. Von dort reist sie wieder Richtung Südwesten zurück. Auch der Blumenkohl der Bretagne oder die Orangen aus Tunis dürfen nicht direkt nach Nizza oder Clermont-Ferrant geliefert werden; sie müssen die Halles passieren, dort ihn Frische verlieren und ihren Preis verdreifachen Erst dann läßt man sie ihres Weges ziehen. In der Provinz und in Paris wird den Bürgern das Geld aus den Taschen gezogen; jedermann weiß, daß die Halles und ihr irrealles Verteilungssystem daran die Schuld haben, aber alle finden sich damit ab,

Schon vor einigen Jahren haben ein paar kühne Beamte der Pariser Stadtverwaltung versucht, obwohl sie wußten, welchen Schwierigkeiten sie entgegengehen würden, einen Reformplan durchzudrücken, der einen kleinen Teil der Halles in die Nähe des Garde d’Orléans verlegen sollte, wo geräumige Lagerschuppen eine große Erleichterung der Verteilung erlaubt hätten. Doch sofort erschienen lange Artikel in den Zeitungen, die indigniert gegen dieses Attentat auf die Geschichte und Tradition protestierten. Die Halles – so sagten sie – seien seit achthundert Jahren der Markt von Paris, seit der Zeit der Capetinger, und Zola habe dem "Bauch von Paris" eine seiner unsterblichen Beschreibungen gewidmet – würde er sich nicht im Grabe umdrehen müssen? Seit Generationen kauften die Hausfrauen von Paris in diesen Hallen ein, die mehr seien als ein Markt, nämlich eine nationale Einrichtung wie der Louvre, der Invalidendom und die Jungfrau von Orleans.

Doch nicht allein die große französische Historie unterstützt diese Proteste; es stand dahinter auch das sehr robuste Interesse einer anderen nationalen Einrichtung, nämlich jener in einer Vereinigung zusammengeschlossenen Vertreter der Agenten, Standvermieter, Zwischenhändler, Makler und unzähliger anderer, seit Generationen mit den Halles verbundener Berufe, die den Einkauf lenken, die Kunden bestimmen, Standzölle verlangen, Geschäfte tätigen oder vereiteln, Trinkgelder fordern, Bestechungsgelder annehmen. Sie alle sind mit- und untereinander durch ein so weitverzweigtes, kompliziertes System verbunden, daß dagegen sogar die Märkte von Neapel harmlos erscheinen. Diese "Vereinigung" hat festbesoldete Leiter, die durch keine Macht der Welt von ihren Posten entfernt werden können. Es ist deshalb leicht zu verstehen, daß eine so gepanzerte "achthundertjährige Geschichte" am Schluß den Sieg davontrug, und daß die voreiligen Beamten der Pariser Stadtverwaltung reumütig von den heiligen Texten und den ehrwürdigen Pergamenten Kenntnis nahmen, die erklärten, die Tradition sei unumstößlich. Und so ist Paris, so ist ganz Frankreich dazu verurteilt, das mit drei zu bezahlen, was ohne die Halles nur eins kosten würde.

Ein Ausländer, der sich bei seinem Eintritt nach Frankreich geschworen hat, alles mit Unvoreingenommenheit und möglichst mit gesundem Menschenverstand zu studieren, bemerkt bald, daß es sich da nicht um einen vereinzelten Fall von Irrsinn handelt. Er findet das System der Halles auch anderswo noch verkörpert. Hier jene "Vereinigung" der an den Halles interessierten Berufe und Geschäftemacher, dort die sogenannten Mandarins, die speziell in der Sphäre der hohen Verwaltung als einflußreiche Persönlichkeiten darauf bedacht sind, daß alles beim alten bleibt. Die 17 aufeinanderfolgenden Regierungen in Frankreich seit der Befreiung haben dieses System der Mandarins nicht geschwächt, sondern nur noch verstärkt; denn ihnen allein verdankt das Land im Grunde noch seine Stabilität, trotz der andauernden politischen Krisen. Doch die Kehrseite dieser granitenen Stabilität, die Frankreichs Demokratie so viele Krisen und so viele Kapriolen erlaubt, ist die Gefahr der Versteinerung.