Auf der Straße vor dem großen Sendesaal in Hamburg patrouillierten Polizeistreifen; Reserve saß in einem Bereitschaftswagen. Eine halbe Minute nach Beginn der Sendung waren die großen Eingangstüren fest verrammelt. Der Passant mußte annehmen, daß mindestens eine Saalschlacht verhütet werden sollte, wenn nicht Ärgeres. Und warum diese Hochspannung wie am Vorabend einer Revolution? Die Abteilung Jugendfunk des NDR hatte, wie immer am ersten Freitag eines Monats, ihre (im Zweiten Programm übertragene) große Abendveranstaltung: "Ein Abend mit jungen Hörern." Sie galt diesmal der soeben zehn Jahre alt gewordenen kommunistischen Jugendorganisation, der FDJ. Zu den Sendungen werden an Jugendliche Gratiskarten abgegeben – ein ungemein löbliches Verfahren, von dem allemal gern und reichlich Gebrauch gemacht wird. Ein paar Tage vorher waren nun junge Leute in der Ausgabestelle erschienen, die Karten in Bündeln zu zwanzig abholten und von denen einige – was lebhaften Verdacht erregte – unverkennbar sächselten. Wie, wenn die FDJ vorhatte, den Saal zu stürmen und die Mikrophone zu zertrümmern? Darum also das Polizeiaufgebot. Aber es regte sich nichts. Gesächselt wurde nur auf den vorgeführten Bändern, die man vom "Deutschlandsender" mitgeschnitten hatte, und auf denen bald junge Dresdner Komsomolzen, bald Walter Ulbricht selber die fatale Kopplung von obersächsicher Ausspracheweise und linientreuer Phraseologie praktizierten. Im Saal dagegen saßen still und brav in "bunter Reihe", ja, sichtlich paarweise, Hamburger Oberschüler, Lehrlinge und Jungarbeiter – eine seltsam geduldige, über den Fanatismus und die Verranntheit ihrer sowjetzonalen Altersgefährten keineswegs entsetzte Hörerschaft, die unverhohlen die "Freischütz"-Ouvertüre recht viel ansprechender fand, als die Problematik einer verhetzten und genormten Jugend. Alles verlief so glatt und akademisch, so unanfechtbar routiniert, daß sich der Beobachter dabei ertappte, wie er sich eine Proteststinkbombe von einem aktivistischen FDJler geworfen wünschte – nur, um zu prüfen, ob denn diese wohlerzogene junge Generation durch gar nichts aus ihrer kühlen Reserve herauszulocken sei. Etwas weniger anstößig formuliert: er hätte sich gewünscht, daß der so umsichtige Leiter des Hamburger Jugendfunks sein gut durchdachtes Konzept in die Ecke gefeuert und in den Saal gerufen, ja, geschrien hätte, daß dieser grauenhafte Drill, diese von Orwell oder Huxley gebrandmarkte Abrichtung nicht irgendwo "hinten weit in der Türkei" geschieht, sondern an deutschen Kindern und deutschen Jungen und Mädchen im Oberschul- und Lehrlingsalter jenseits der Elbe. Aber daß viele von diesen die Mundart ihres Landes sprechen (eben die obersächsische), stempelt sie offenbar in den Augen der "westdeutschen" Jugend zu einer Art Exoten, um deren Schicksal man sich keine grauen Haare wachsen zu lassen braucht. Als nächstes Thema dieser verdienstlichen Sendereihe ist der "Erfolgsrummel" vorgesehen. Vielleicht ergibt das mehr Anlaß zur Selbstkritik.

Wir werden sehen:

Freitag, 16. März, 21.05 Uhr:

Am Tag der Bundestagsdebatte über die Verkehrsgesetzgebung eine öffentliche Diskussion im Hamburger Fernseh-Studio für und wider die Geschwindigkeitsbeschränkung: "Wie schnell fährt der Tod?"

Wir werden hören:

Donnerstag, 15. März, 23 Uhr aus Frankfurt:

Hermann Heiß, der Kompositionslehrer an der Darmstädter Akademie für Tonkunst, gibt einen Einblick in die Arbeit seiner Klasse mit Beispielen, die zeigen, wie "Schlagzeug und Improvisation als Elemente der Neuen Musik" zu verwenden sind. Dann dirigiert Hermann Scherchen das Concerto für Flöte und Kammerorchester von Heiß.