Bei der Filmpremiere stellen die letzten beiden von den vier Autoren des Drehbuches fest: "Der Satz eben war von uns." – "Wie hieß er denn?" – "Guten Abend, Anne!" Es war der einzige, der nach den letzten Streichungen und Veränderungen des Drehbuches durch den Dramaturgen, den Regisseur, den Produktionschef und die Hauptdarsteller noch übrigblieb.

Das traurige Schicksal eines nach den Wünschen und Vorurteilen der Geldgeber, Stars und Dilettanten zusammengeflickten Filmdrehbuches behandelte der Schriftsteller Hans-Werner Richter in einem Funkhörbild, das am 18. Oktober 1955 vom NWDR unter dem Titel "Pipapo" gesendet wurde. In leicht abgeänderter Fassung sollte es unter dem Titel "Der große Verzicht" am 4. Februar 1956 vom Bayerischen Rundfunk übernommen werden. Dazu kam es nicht mehr. In München kapitulierte man vor den Protesten einiger Filmfunktionäre, die ihren Mitarbeiterstab in den Gestalten aus Richters Hörbild wiederzuerkennen glaubten.

Mit Bangen nahmen wir daher unter der Rubrik "Funk für Anspruchsvolle in unserer letzten Ausgabe folgende Notiz auf: Sonnabend, 10. März, 20.10 Uhr: In Frankfurt will man es wagen, Hans-Werner Richters satirische Story eines deutschen Filmdrehbuchs von heute (gegen deren Hörfunkform die Filmindustrie mit Erfolg protestiert hat), in einer Fernseheinrichtung unter dem Titel "Die Weichen sind falsch gestellt" zu zeigen.

Über unserer Notiz stand die Überschrift "Wir werden sehen". Aber wir sahen nicht. Obwohl die Fernsehfassung nach dem für Richter recht günstigen Ergebnis seiner gerichtlichen Auseinandersetzung mit der sich betroffen fühlenden Filmgesellschaft ohne jede Beanstandung über die Bildschirme gegangen wäre, kassierte Intendant Beckmann (Frankfurt) den hochinteressanten Programmpunkt.

Von der Intendanz wird lebhaft bestritten, daß das aus Mangel an Zivilcourage geschah. Vielmehr seien ausschließlich "programmtechnische Gesichtspunkte" ausschlaggebend gewesen. Mit anderen Worten: das Frankfurter Fernsehen exerziert nun wohl mit den Richterschen Manuskript eben jenes Umschreibspiel, gegen das sich der Autor eigentlich wenden wollte. Um zu beweisen, wie überflüssig eigentlich Autoren sind. Zu dieser Überzeugung ist Intendant Beckmann, wir wollen es ihm ruhig glauben, ganz unabhängig von den Protesten der interessierten Filmgesellschaften gekommen. Wir vermuten nicht, daß er sich von ihnen unter Druck setzen ließ, wie dies eine norddeutsche Tageszeitung andeutete. Richtig ist vielmehr, daß er ganz unabhängig von den Film-Produzenten zu dem gleichen Standpunkt gekommen ist wie sie: die Idee des Autors ist eine quantité negligeable... Das Gerücht, daß ein Wink aus Bonn die Absetzung herbeigeführt habe, weil der in dem Fernsehspiel als Beispiel herangezogene Film "Vor Gott und den Menschen" bundesverbürgt sei, wird sich hoffentlich nichtbestätigen.

Ob die Weichen in Frankfurt inzwischen noch richtig gestellt und ob wir schließlich auf den Bildschirmen noch etwas von Richters Satire Wiederentdecken werden, wenn es schließlich zu einer Sendung kommen sollte – denn "das ist immer noch drin", versicherte ein Gewährsmann der Intendanz –, nun, wir werden sehen... D

Seit "In jenen Tagen", Helmut Käutners erstem Nachkriegsfilm, bei dem er auf ein Atelier noch verzichten mußte, gingen in den letzten zehn Jahren nahezu 600 bundesrepublikanische Filmprodukte über die Leinwand. Die meisten von ihnen sind vergessen, viele verblaßt, und kaum einer haftet in der Erinnerung. Eine Nachlese dieses vergangenen Film-Dezenniums gab das Bayrische Fernsehen in seiner Sendung "Die flimmernde Leinwand", in der dem Zuschauer am Bildschirm ein sorgsam und aufschlußreich zusammengestellter Überblick über die Menge der Kitsch- und Rührszenen im Heidegrab-Genre und Passagen aus den künstlerischen Versuchen dieser Zeitspanne zu Veranschaulichung und geflissentlichem Vergleich geboten wurde. Eine gelungene Sendung, deren pädagogische Intention mit unterhaltsamer und überaus fernsehgemäßer Gestaltung trefflich vereinbart wurde. G.