Auf den Aufnahmen, die es von Frau Dr. Katharina Heinroth gibt, ist sie selten allein. Gewöhnlich sieht man sie von Tieren umgeben, Affen im Arm, einen Vogel in der Hand oder ein Raubtierbaby auf der Schulter tragend. Der Wochenkalender hinter dem Schreibtisch ihres. Büros im Berliner Zoologischen Garten zeigt farbige Riesenschmetterlinge. An der Wand hängt eine Porträtmaske vom Gorilla "Bobby", der vor Jahren zur Prominenz des Berliner Zoologischen Gartens gehörte, und im geräumigen Vogelkäfig hüpft ein schwarzer, indischer Beo, sprachgewandt wie sonst nur Papageien, der schnarrend "Herein!" ruft, wenn man mit dem Bleistift auf den Tisch klopft. Er fängt auf und kopiert, was seine Herrin am Telephon sagt – ein tüchtiges Pensum für den gelehrigen Vogel. Denn ununterbrochen klingelt das Telephon: die Pläne für das neue Nilpferdhaus müssen besprochen werden; das letzte wurde vor achtzig Jahren gebaut. Eine Apotheke ruft an und bittet um Abholung einer "Gans", die sich vor ihrer Tür angefunden hat; "eine bunte, sicher von ihnen weggeflogen", wird am anderen Ende der Leitung erklärt. – Die Kalte dieses Winters brachte zusätzliche Sorgen. Die Kurzhaartiere, Zebus und Watussirindern vor allem, mußten zusätzlich durch Rotstrahler erwärmt werden.

Kaum liegt der Hörer wieder in der Gabel, klopft es an die Tür: Pläne, die zur Randbebauung des Zoogeländes gehören, müssen unbedingt besichtigt werden. Katharina Heinroth ist einer der drei weiblichen Zoo-Direktoren, die es auf der Welt gibt. Im Vergleich zu ihren beiden Kolleginnen in Zürich und San Diego sind ihr jedoch ungleich schwierigere Aufgaben gestellt. Sie hat sich nicht nur um die rund zweitausend Tiere des Berliner Zoologischen Gartens zu kümmern, neue dazu zu erwerben und die Bauten und Anlagen zu erweitern. Sie mußte mit dem Zoo, als sie im Mai 1945 zu seiner wissenschaftlichen Direktorin ernannt wurde, wieder ganz von vorne anfangen. Die Bombennächte und die letzten Kampftage um Berlin, die Frau Heinroth auf dem Zoogelände verbrachte, hatten eine Mondlandschaft von Granattrichtern und Laufgräben hinterlassen. Zwischen den einundneunzig Tieren, die aus einem Vorkriegsbestand von viertausendfünfhundert das Kriegsende überlebt hatten, kampierten tagelang die Rotarmisten.

Frau Heinroth hat den Untergang des Berliner Zoos miterlebt. Seit 1933 war sie mit dem Ornithologen Oscar Heinroth, der das Berliner Aquarium und zugleich die Vogelwarte Rossitten leitete, verheiratet und damit dem Zoo, auf dessen Gelände sie auch heute noch wohnt, aufs engste verbunden. Schon als Kind hatte die gebürtige Breslauerin Schmetterlinge gesammelt und Raupen gezüchtet. Nach dem Studium ging sie an das Zoologische Institut in München, später nach Berlin. Sie arbeitete über das Gehör der Eidechsen, über die Aufzucht des Tintenfisches und die Stimme der Krokodile, war in der Bienenforschung tätig, und gegenwärtig arbeitet sie weiter an dem mehrbändigen Werk ihres Mannes über die mitteleuropäische Vogelwelt.

Als Frau Heinroth im Mai 1945 – im gleichen Monat, als sie ihren Mann verlor – die Zoo-Leitung übernahm, galt es, zunächst nur zu flicken und zu heilen. Wasserleitung, Kanalisation, Stromkabel mußten wiederhergestellt, Laufgräben und Trichter zugeschüttet und die Quartiere der verbliebenen Tiere wetterfest gemacht werden. Die Sprengungen am benachbarten Bunker störten die Arbeiten empfindlich; zweimal mußten sämtliche Tiere evakuiert werden, und die notdürftig reparierten Häuser wurden abermals zerstört. An Neuerwerbungen war nicht zu denken, zumal eine alliierte Anordnung sie ausdrücklich untersagte. Eigener Futteranbau half die Tiere erhalten, die auch in den schweren Blockademonaten keine Verluste erlitten.

Immerhin war im Jahre 1948 der Bestand bereits auf 240 Tiere angewachsen, durch Spenden, wie das Meerkatzenmännchen "Pipo", das ein Kriegsgefangener in Italien aufgezogen hatte, oder durch Tausch mit anderen Gärten. An Erwerb in größerem Stil war aber erst nach Währungsreform und beendeter Blockade zu denken, als der Anschluß an den Welttierhandel wiedergefunden war. Da der Berliner Zoo stets ein Garten der Großhäuser war, mußte den neuen Gästen erst die Herberge gerichtet werden. Etappenweise ging es dann weiter voran. So wurden 1949 versuchsweise die ersten drei Seehunde angeschafft, am die regelmäßige Fischversorgung zu erproben. Als es klappte, folgten ein Jahr später ein teurer Seelöwe und im vorigen Jahre ein See-Elefant.

Heute verfügt der Berliner Zoo wieder über rund zweitausend Tiere. Manche unter ihnen erfreuen sich bei den Beninern größter Popularität, zumal an der von Frau Heinroth vorgenommenen Taufe stets die halbe Bevölkerung mit Namensvorschlägen beteiligt ist. An der Spitze der Favoriten steht Nilpferdbulle "Knautschke", der, 1943 hier geboren, als Jungtier den Krieg überstand. Seine Hochzeiten mit den aus Leipzig herbeigeschafften Bräuten "Olga" und "Grete" waren gewissermaßen Interzonen-Ereignisse, wie denn auch die Nachkommenschaft säuberlich auf Ost und West verteilt wurde, Pandit Nehru schenkte den Berliner Schulkindern das Elefantenkind "Stand", eine Likörfirma spendete die Löwin "Heinrich", von der Stadt Zürich wurden Schwäne für Berlin gestiftet. Und kürzlich brachte Frau Heinroth von einer Ferienreise aus Java und Borneo zwanzig Tiere als Geschenke mit, darunter zwei junge Orang-Utans und zwei Marabus. Als Besonderheit unterhält der Berliner Zoo eine Isabell-Shetland-Ponyzucht, und als einziger Zoo in Deutschland besitzt er, über den Krieg gerettet, den Japanischen Storch, der selbst in seiner Heimat fast ausgestorben ist.

Ständig muß für neue Tiere Platz geschaffen werden. "Zu Ostern wird das Antilopenhaus ganz fertig", sagte Frau Heinroth, "und für die neue Nachkommenschaft der Leoparden muß auch Raum sein. Wollen Sie vielleicht ein junges Leopardenpärchen haben?" fragt sie unvermittelt und schon im Aufstehen. "Ein Guanaco hätten wir auch zu vergeben, und einen jungen Bisonbullen." Aberehe ich antworten kann, ist sie schon davon, zur Taufe der Davidshirsche. Sabina Lietzmann.