Das Holdingunternehmen der Handelsgesellschaften der ehemaligen Vereinigten Stahlwerke AG, die Handelsunion AG, Düsseldorf, hat in ihrem ersten vollen Geschäftsjahr per 30. September 1955 einen Umsatz von 1,75 Mrd. DM gegen rund 650 Mill. DM im Geschäftshalbjahr per 30. September 1954 erreicht. 20 v. H. entfielen auf Exportgeschäfte. Die Umsätze setzen sich im wesentlichen aus Großgeschäften in Röhren, Walzstahl-Fertigprodukten, Schrott und Erz zusammen. Auch im laufenden Geschäftsjahr hätte sich das Geschäft weiterhin gut entwickelt, war auf einer Pressekonferenz zu hören.

Auf der Ertragsseite ist die Lage für das Handelsunternehmen ebenfalls befriedigend mit Ausnahme des Röhrengeschäftes. Dort lägen die Preise gedrückt. Aus dieser Tatsache darf man vielleicht schließen, daß die auch zu anderen Gelegenheiten seitens der Röhrenproduzenten geäußerten Urteile, denen zufolge sowohl in Produktion wie auch im Röhrenhandel die Kapazitäten zu groß seien, für die Gegenwart noch gelten. Da für die Handelsunion das Röhrengeschäft eine sehr erhebliche Sparte ist, belastet dies die Gesamtertragsrechnung. Hinzu kommt neuerdings wieder eine Verteuerung im Einkauf, so daß mit einer gewissen Schmälerung der Gewinne im laufenden Jahr zu rechnen ist. Dennoch ist die Lage der Gruppe so gefestigt, daß sie ohne weiteres ihre Dividende von 8 auf 10 v. H. auf 46 Mill. DM AK erhöhen kann. Qualifizierte Minderheitspakete an diesem AK hat Rheinstahl, ferner die Thyssen-Gruppe Rheinrohr Phoenix. Das kürzlich vom Bankverein für Westdeutschland aus den Händen von Hermann D. Krages erworbene Handelsunion-Paket ist, wie im Revier angenommen wird, inzwischen zum größten Teil von der schon erwähnten Thyssen-Gruppe erworben worden.

Über die Stahlversorgungslage war Günstiges zu hören. Mit Anlaufen der neuen Feineisenstraßen bei Klöckner in Haspe, bei den Hüttenwerken Oberhausen und in Salzgitter wären die bisherigen Engpässe auf diesem Gebiet wesentlich gemildert worden. Der Bedarf derWerften an Schiffsblechen könnte zur Zeit zu etwa 95 v. H. aus der deutschen Produktion gedeckt werden. Im Laufe des Jahres kämen in Mülheim und Hattingen neue Blechstraßen dazu, so daß der Inlandsbedarf dann voll aus deutscher Produktion zu befriedigen sei. In der Walzkapazität bestehen nach Auffassung der Verwaltung zur Zeit keine Engpässe mehr. Dagegen würden Rohstahlkapazität und die zu geringe Schrottverfügbarkeit der vollen Ausnutzung der Walzstraßen Grenzen setzen.

In diesem Zusammenhang wurde auf der Pressekonferenz die Schrottsituation erörtert. Nach Auffassung des Vorstandsmitglieds Siegfried Seelig – seit über vierzig Jahren im Schrott tätig und einer der wenigen führenden Schrottfachmänner der deutschen Schwerindustrie – darf die Bundesrepublik auf die Dauer nicht mit den derzeitigen Schrottimporten aus den USA rechnen. Die USA hätten selbst einen steigenden Schrottbedarf, und schon jetzt erhalte Deutschland wesentlich weniger als in den letzten zwei Jahren aus dieser Quelle. Die Schwerindustrie müsse daher neue Hochöfen bauen – und zwar in großer Zahl (Kosten je Ofen etwa 25 bis 40 Mill. DM), um künftig in verstärktem Maße Stahleisen statt Schrott bei der SM-Stahlgewinnung einzusetzen. Hand in Hand müßte die Ausweitung der Kokskapazität, d. h. also auch der Ausbau der Förderleistungen im Ruhrbergbau gehen. Es wäre sonst zweifelhaft, wie man den Stahlbedarf der nächsten Jahre bei möglichst stabilen Preisen decken sollte. l t.