Nur ein Jahr weniger als ein halbes Jahrhundert währt die Freundschaft der beiden Wahlpariser: des Malers aus Malaga, der sich mit dem Namen seiner Mutter Pablo Picasso nennt, und des Kenners, Sammlers und Kunsthändlers aus Stuttgart, dessen Leben und Wirken mit der Geschichte der bildenden Kunst unseres Jahrhundert so eng verknüpft ist wie kaum ein zweiter. So konnte es gar nicht ausbleiben, daß die Ansprache Daniel-Henry Kahnweilers der Eröffnung der großen Hamburger, vorher nur in München und in Köln gezeigten Picasso-Ausstellung (vergl. DIE ZEIT, Mr. 48) den natürlichen Schwerpunkt gab.

Kenner – Sammler – Kunsthändler, so ist die zeitliche Reihenfolge gewesen. Der junge Stuttgarter Bankierssohn, der 1902 von seinem Vater nach Paris geschickt wurde, um in einem dortigen Bankhaus zu volontieren, fand kein sonderliches Vergnügen an finanztechnischen Operationen. Täglich zur Börsenzeit, wenn sein Chef mithalf; die Tageskurse zu steuern, ging der Volontär ins Louvre, und von dort aus, denn der Chef kam erst um drei wieder ins Büro, zu den kleinen Graphikhändlern am Seineufer. Für sein Taschengeld erwarb er sich Blätter, die ihm gefielen: Radierungen von Manet, Lithos von Toulouse-Lautrec – Dinge, die damals noch lange nicht den Stempel des Weltuhms trugen und zu deren Entdeckung ein Laie eines nicht alltäglichen Spürsinnes bedurfte. An Kunsthandel dachte der junge Flaneur und Sammer noch keineswegs. Erst als ihm seine Familie, nach einer weiteren Bankgeschäftspraxis in London, Anfang 1907 eine leitende Stelle bei den Goldninen in Südafrika anbot, fielen die Würfel: Kahnveiler stieg aus dem Bankfach aus und verwendete ein Betriebskapital zur Einrichtung einer kleinen Galerie in der Pariser RueVignon. Und er eröffnete Die mit Bildern eines Malers, auf den er von Henri Matisse und Georges Braque aufmerksam gemacht worden war, der aber noch nie ausgestellt hatte und den Kahnweiler erst auf seinem Atelier aufuchen mußte, um ihn zum ersten Schritt in die Öffentlichkeit zu bewegen: Pablo Picasso, der senden Ansicht der Filmschaffenden der Code hinsichtlich Sex und Moral zu engherzig ist, gleichzeitig aber nicht streng genug die eingehende Behandlung von Verbrechen und Brutalität verhindere.

Deutsch – einfach – gepflegt. Die Existenz einer "Meteorologischen Zentralanstalt" hat den Deutschschweizerischen Sprachverein zu folgender Erklärung veranlaßt: "Der Deutschschweizerische Sprachverein würde es begrüßen, wenn die Meteorologische Zentralanstalt einen einfacheren, das heißt deutschen Namen erhielte."

Letztes Werk Einsteins. Die fünfte Auflage von Albert Einsteins großem Werk "Die Bedeutung der Relativität" ist jetzt vom Verlag der amerikanischen Princeton-Universität herausgegeben worden. Der Ausgabe ist ein umfangreicher Nachtrag angeschlossen, in dem der große Physiker "Die allgemeine Theorie der Gravitation" in einer kurz vor seinem Tode im Frühjahr 1955 abgeschlossenen vollständigen Überarbeitung weitgehend vereinfacht, ohne, wie er selbst sagte, "ihren Inhalt zu verändern." Geändert wurde lediglich der Titel und zwar in "Relativistische Theorie des unsymmetrischen Feldes," damals am Ende seiner "rosa Periode" stand. Picasso wurde der erste Künstler in Kahnweilers jungem Geschäftsbetrieb, und Kahnweiler der erste Kunsthändler Picassos, und von 1912 an, wo die beiden einen regulären Vertrag schlossen, sein einziger.

"Man darf nie vergessen", sagte er jetzt in Hamburg, "daß die kubistische Malerei eine Gemeinschaftsarbeit der drei Maler Picasso, Braque und Juan Gris gewesen ist, die sich gegenseitig kontrollierten und bestätigten". Und Kahnweiler ließ auch erkennen, warum ihn diese Arbeit, und damit überhaupt Picassos weiterer Weg, überzeugen konnte: ihn leitete die Einsicht, deren Fehlen bei so vielen dem Verständnis für die moderne Kunst im Wege steht – die Einsicht, daß ein Gemälde seinem Wesen nach "kein Spiegelbild der Natur, sondern ein Schriftwerk zu sein hat". Mit einem kühnen, aber treffenden Vergleich fuhr er fort: "Wie ich beim Aufnehmen der Schriftzeichen F-R-A-U die Anschauung einer Frau in mir hervorrufe, so muß ich auch bei dem Betrachten eines Frauenbildes von Picasso mit meinem Anschauungsvermögen selbsttätig mitwirken."

Die beiden Weltkriege haben Kahnweiler schwer getroffen. Im ersten mußte er, um nicht als feindlicher Ausländer interniert zu werden, in die Schweiz fliehen. Seine Sammlung wurde dann auf Grund des Versailler Vertrages zum Besten der französischen Staatsfinanzen zwangsversteigert, darunter 132 kubistische Bilder von Picasso, ferner solche von Braque, Gris und Léger, alles in allem 381 Bilder – mit dem unerwarteten Ergebnis allerdings, daß die erzielten Preise trotz des Mas-> senangebots noch über den Vorkriegspreisen lagen. Kahnweiler, nach Paris zurückgekehrt, konnte also getrost wieder Picasso kaufen, und obwohl der Maler inzwischen durch einen Optionsvertrag an den Kunsthändler Paul Rosenberg gebunden war, malte er mehr, als Rosenberg aufnehmen konnte, und es blieb übergenug für Kahnweilers neue "Galerie Simon". 1940 mußte der Stuttgarter abermals Paris verlassen, weil ihm nun die Rassenverfolgung drohte. Er tauchte in der Gegend von Limoges unter, und seine Schwägerin, Louise Leiris, leitete solange die Galerie – nunmehr, da "Rosenberg nach USA, hatte auswandern müssen, als einzige Galerie Picassos –, bis Kahnweiler sie 1944. wieder übernehmen konnte.

Ein Wort Hokusais ab-. wandelnd, nannte Kahnweiler in seiner Ansprache den Picasso von heute "einen Greis, besessen von Malerei". Er schilderte seine Besuche in Picassos jetzigem Wohnsitz, der Fin – de – Siecle – Villa in Cannes, die von Spöttern "Picassos Prunkhemd" genannt wird, in der sich aber außer ein paar einfachen Möbeln nichts befindet als die unausgepackten Kisten und Kasten mit Picassos Sammlungen – unausgepackt, weil ihm das Malen keine Zeit zu irgend etwas anderem läßt. Der große Garten der Villa dient Picasso zu Spaziergängen; aber das Grundstück verläßt er nie, und er sieht keinen Menschen in Cannes. Sein Reichtum? "Natürlich ist er ein reicher Mann", sagte Kahnweiler nicht ohne den Stolz dessen, der entscheidend zu diesem Reichtum beigetragen hat, "aber er hat immer noch sein Lebensideal von 1907, als er sagte: ‚Ich möchte am liebsten un garçon pauvre avec beaucoup d’argent sein‘."

Ein armer Junge mit viel Geld – ist das nicht das offene oder geheime Leitbild jedes Künstlers? Picasso wurde dieser Wunsch erfüllt – dank seinem Genie, aber auch dank Daniel-Henry Kahnweiler. C. E. L.