Das Dritte Reich hat uns nicht nur um unser Vaterland gebracht, es hat uns auch nahezu den Mut genommen, die Idee des Vaterlandes und der Hingabe für unser Land unbefangen auszusprechen. Fast alle Ideen, Begriffe und Worte sind durch den Mißbrauch entwertet worden, den dieses Regime – von Natur ein geistiger Allesfresser – mit ihnen trieb. Was haben die Nationalsozialisten nicht alles für sich in Anspruch genommen: sowohl die nationale Idee wie den europäischen Gedanken, das Christentum wie die freidenkerische Aufklärung; die Idee der Diktatur einerseits und das demokratische Ideal des von den Massen gewählten Volkstribunen andererseits; sie haben die Ehe gepriesen und gleichzeitig das Menschengestüt erfunden, das die höhere Rasse heranzüchten sollte, das Recht der freien Unternehmerpersönlichkeit und den Wohlfahrtsstaat!

In viele Dinge hat das Dritte Reich seine Krallen so tief eingeschlagen, daß sie mit ihm für immer zugrunde gehen mußten. Wer mag schon das Wort "Führer" – ein gutes, altes deutsches Wort – noch in den Mund nehmen? Wenn man aber alles wegwerfen wollte, was das Dritte Reich einmal propagiert und für sich mißbraucht hat, was bliebe dann noch von unseren Idealen und Ideen? Wir können nicht alles über Bord werfen – es wäre in der Tat alles, denn die Krallenhand des Dritten Reiches ließ nichts unberührt. Das spürt man heute besonders bei allen Fragen, die mit dem Wiederaufbau des deutschen Soldatentums zu tun haben. Es ist uns auch hier zwischen Scylla und Charybdis – oder wenn man das englische Bild gebrauchen will: zwischen Teufel und hoher See – nur eine sehr schmale Trift gelassen. Man kann die alten Worte, Begriffe und Ideale nicht frisch-fröhlich dem Mund und dem Herzen entströmen lassen; man kann sie aber auch nicht einfach verwerfen und in die Mülltonne der Geschichte schleudern. Man muß sehr behutsam erneuern oder abschneiden. Was für die deutschen Streitkräfte insgesamt gilt, das gilt auch für einzelne Formen, Einrichtungen, Gewohnheiten und Symbole, insbesondere für Fahne und Eid. Im Bundestag gab es eine Debatte über den Eid. Zuviel durchkreuzte und überlagerte sich da, als daß dabei klare und einfache Auffassungen herauskommen können. Es ist sicherlich eine große Last auf der Seele und ein schwerer Entschluß, von deutschen Soldaten wieder einen Eid verlangen zu wollen. Zuviel gebrochene Eide liegen auf der Heerstraße der deutschen Geschichte – wie weggeworfene Uniformstücke auf der Rückzugsstraße einer zerschlagenen Armee.

Die Generale haben auf den Kaiser geschworen, sie haben auf die Republik geschworen und sie haben auf Hitler geschworen. Sie haben gehorcht, als Kaiserreich, Republik und Drittes Reich feststanden; sie haben aber keine zusammenstürzende Herrschaft mit ihren Leibern gedeckt. Als am 9. November 1918 das Kaiserreich zerbrach, haben von den Tausenden von Offizieren, die vorher mit großartigem Heldenmut in die Schlacht gegangen waren, kaum ein Dutzend den Treueid gegenüber ihrem Kaiser mit dem Tod besiegelt. General Gröner hat in diesen Tagen durch ein offenes Wort den Zorn der deutschen Offiziere auf sich geladen, als er im Garten der Villa Fraineuse in Spa unwirsch erklärte: "Ach, der Eid, das ist doch nur eine Fiktion." Das war hart und bitter, weil es die Wahrheit war. In allen Zeiten des Umsturzes – in der großen französischen und in der großen englischen Revolution – ist es so gewesen. In der großen englischen Revolution haben die Menschen nacheinander auf Monarchie, Parlament, Republik, auf die Herrschaft der Heiligen, die Diktatur Cromwells, wieder auf die Republik und wieder auf die Monarchie geschworen. Es haben die Väter die Söhne – so sagt ein Schriftsteller der Zeit – und die Söhne die Väter zu Meineidigen gemacht.

Welch schreckliche Entartung erfuhr der Eid im Dritten Reich. Da gab es Generale, die auf die Frage, ob sie bei einem Staatsstreich gegen Hitler mitmachen würden, antworteten: "Ich bin ja durch meinen Eid gebunden. Aber bringt ihr doch den Kerl um, dann kann ich mitmachen, dann bindet mich kein Eid mehr." Es ist schon so: Man hält den Toten nicht die Treue. Ein fallendes und untergehendes Regime wird nicht dadurch gerettet, daß Menschen geschworen haben, ihm in den Stunden der Not und der Gefahr die Treue zu halten. Eide sind nur für die Lebenden. Die deutsche Demokratie kann daraus nur die Lehre ziehen: am Leben zu bleiben, sich zu bewähren und Kraft und Vertrauen auszustrahlen. Denn wenn sie versagt oder zerbricht, es schützt und rettet sie kein Eid.

Der Bundestag hat beschlossen, nur die Berufssoldaten zu vereidigen, eine salomonische Lösung! Sie mag nicht jedem gefallen, auch dem Autor nicht, aber sie ist praktikabel und vernünftig genug, so daß sie nun als Gesetz gelten muß. Es hat so gut wiekeine falschen Töne bei der Debatte gegeben. Keiner hat die alten Symbole – Eid, Fahne, "die große Tradition des deutschen Soldatentums – mit markigen und vibrierenden Worten gefeiert. Es hat auch so gut wie niemand sie mit der unseligen heiligen Entrüstung pazifistischer Kreuzzügler geschmäht. Eines wurde aber doch bei der Debatte über den Eid klar. Symbole, wie Eid Fahne und Uberlieferung, müssen sich langsam wieder neu bilden wie abgestorbene Zellen im Volkskörper. Es geht nicht ohne Symbole, ohne diese Sinnbilder für all das, wofür ein Volk bis zum letzten einzustehen bereit ist. Jedes Volk braucht ein wenig Farbe, Glanz, Gefühl und Wärme. Noch fehlt in unserem politischen Leben der Glaube, die Unbeugsamkeit, auch die Wärme von Überzeugungen, die größerer Opfer wert erscheinen, als bei regnerischem Wetter zur Wahlurne zu gehen. Es wäre traurig bestellt um ein Volk, das nicht mehr bereit ist, sich einzusetzen, das unfähig ist, für die Allgemeinheit ein Opfer zu bringen. Wenn der Gemeinsinn in der Seele der Menschen stirbt, dann ist auch der Freiheit keine lange Lebensdauer mehr beschieden. Das Dritte Reich hat erschreckliche, seelische Verwüstungen angerichtet, als es Hingabe, Glaube und Aufopferung der Jugend mißbrauchte und verbrauchte. Michael Freund