Erwachsene stellen Nachsicht der Primaner auf eine harte Probe

Von Marion Gräfin Dönhoff

Der Weg nach Flensburg, dem nördlichsten Punkt Deutschlands, führt durch unendlich flaches Land: weite Koppeln und Wiesen, graugrün wie alter, abgeschabter Samt, von ungezählten tiefschwarzen Maulwurfshügeln übersät, eingefaßt mit struppigen Hecken, die schon ein wenig rötlich vom ersten Saft des Frühjahres schimmern. In den Gräben liegt noch Schnee, und darüber ziehen Schwärme von Krähen. Dann und wann steht ein strohgedeckter Hof verloren in der Weite des Landes, über den sich ein großer, heller Himmel wölbt. Die Menschen sind leiser, bescheidener, vielleicht einfältiger, jedenfalls langsamer als anderwärts in der sich immer stärker industrialisierenden Bundesrepublik.

"Ja-chen, jewiß doch", antwortet der Beamte in Neumünster, wo man umsteigen muß, auf die Frage, ob der Anschlußzug bald kommen werde. Er ist Ostpreuße, wie viele in dem Lande der Flüchtlinge. Sie alle träumen mehr von der alten Heimat als von neuem Reichtum, und das gibt diesem betont agrarischen Lande einen noch konservativeren Zug. Ob die Menschen wirklich einfältiger sind? Jedenfalls sind sie weniger hektisch und weniger ausschließlich mit sich und ihrem Wohlergehen beschäftigt, als in den Großstädten des Westens. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Jugend hier an allgemeinen Fragen interessierter ist als anderwärts. Sogar die Schüler der Mittel- und Oberschulen haben sich in Schülervertretungen bis hinauf zur "Landesvertretung" organisiert – und eben einer solchen Versammlung in Flensburg sollte ich beiwohnen.

Die Lehrer hatten es zunächst gar nicht gern gehabt, daß sich Schüler von verschiedenen Schulen trafen, so wie die Arbeitgeber es nicht allzugern haben, wenn ihre Angestellten zusammenklucken und Erfahrungen austauschen. Als die "Pauker" aber anfingen, Einwendungen zu machen, sagten die Schüler: "Na gut, dann gründen wir eben Arbeitsgemeinschaften, daran kann uns niemand hindern." So geschah es; denn die Schleswig-Holsteiner haben dicke Schädel, auch die jungen. Das hatte sich übrigens auch diesmal gezeigt. Die Primaner hatten beschlossen, sie wollten einmal der Sache mit dem 20. Juli auf den Grund gehen, der offenbar verschämt oder geflissentlich im Unterricht übergangen wird.

"Welch gefährliches Thema!" Die Lehrer schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, und die Schule, die für die Diskussion vorgesehen war, weigerte sich, ihre Aula für dieses abenteuerliche Unterfangen zur Verfügung zu stellen. Woche um Woche mußte das Vorhaben verschoben werden, aber schließlich hatten die beharrlichen Jungen alles beisammen: einen General, einen Historiker, einen Theologen und die Aula der Goetheschule, die deren einsichtiger Direktor gern zur Verfügung stellte. Die Leitung der Diskussion hatten, sie ihrem Freund und Gönner Dr. Hessenauer vom Kultusministerium in Kiel übertragen.

Es hatte schon angefangen, als ich kurz nach acht Uhr den Festsaal betrat. Die Wände des grauen, schmucklosen Kuppelbaues sind ein wenig fleckig. Auf dem Katheder steht der Historiker der Pädagogischen Akademie und spricht zu etwa hundert Jungen, Primanern und Sekundanern. Sie alle sitzen im Halbkreis vor dem Podium in Mänteln, dicke Schals um den Hals, denn es ist sehr kalt, was den fast wehmütigen Eindruck: Atmosphäre 1948, noch erhöht.