Die Deportation des Erzbischofs von Zypern hat zu Spekulationen über die Auswirkungen – vor allem auf die NATO – Anlaß gegeben. Man hatte sich inzwischen daran gewöhnt, daß Großbritannien mit halbem Herzen europäische Politik macht und, im Kielwasser der USA, NATO-Politik betreibt; um so überraschender, daß Großbritannien jetzt plötzlich wieder zur "Empire-Politik" zurückgekehrt ist, und zwar mit dem gleichen Eigensinn und der gleichen Rücksichtslosigkeit, die ihm einst zu seiner Weltmachtstellung verholfen haben. Erleben wir hier eine Ouvertüre oder ein Finale?

Während in Athen, in der griechischen Hafenstadt Salonika, auf der Insel Kreta und überall in Zypern "Nieder mit den Engländern" geschrien wurde, während Steine durch die Fensterscheiben englischer Konsulats- und Verwaltungsgebäude flogen und ein Kleinkrieg zwischen der aufs höchste erregten Bevölkerung und der durch Truppen verstärkten Polizei Verletzte und Tote forderte, wurde der Ethnarch von Zypern, Erzbischof Makarios, vom Flugplatz weg verhaftet. Mit drei weiteren Geistlichen der griechisch-orthodoxen Kirche wurde er auf dem englischen Kreuzer "Loch Fada" nach den Seychellen-Inseln im Indischen Ozean deportiert.

Das bedeutet: für Großbritannien den Triumph des militanten Flügels der Konservativen, für Zypern blutige, durch das Besatzungsregiment nur mühsam niedergehaltene Unruhen, für die NATO eine schwere Gefährdung der Südostflanke und eine neue Bedrohung der gemeinsamen Linie durch die Sonderinteressen einzelner Vertragspartner.

Während Clement Davies, Parteichef der britischen Liberalen, und der Führer der Opposition Ihrer Majestät, Hugh Gaitskell, mit fast den gleichen Worten die Deponierung des Erzbischofs als einen "Akt des Wahnsinns" verurteilten, wurden einige ebenfalls kritische Stimmen im konservativen Lager übertönt von Zustimmung, die vom "Es blieb wohl nichts anderes übrig" der Gemäßigten bis zum "Endlich besinnt sich Großbritannien wieder auf seine Macht" des rechten Flügels reicht.

Als prominente Vertreter dieses rechten Flügels sind bisher vor allem der Empire-Amery, der Suezrebellenführer Captain Waterhouse und die Beaverbrook-Gruppe mit Randolph Churchill als prominentestem Namen (was freilich weniger das Verdienst dieses Trägers ist) hervorgetreten. Für sie – daran haben sie nie Zweifel gelassen – begann Großbritanniens Niedergang mit der indischen Unabhängigkeitserklärung (1947). Dafür konnte aber wenigstens eine sozialistische Regierung verantwortlich gemacht werden. Die Räumung der Suezkanalzone jedoch, die Verdrängung der britischen Führung aus der Arabischen Legion, die Bemühungen der Zyprioten, nicht nur den Kolonialstatus abzuwerfen, sondern überhaupt aus dem britischen Commonwealth auszuscheiden – all das geschah unter einer konservativen Regierung.

Die Garde vom Empire

In von Jahr zu Jahr steigendem Maße propagierte daher diese einflußreiche Gruppe eine "Politik der Stärke" – getting tough, wie es im Jargon der Beaverbrook-Zeitungen heißt. Und diejenigen konservativen Kreise, die auch heute noch lieber vom Empire als vom Commonwealth sprechen (oder allenfalls, nach dem Churchillschen Kompromiß, Commonwealth and Empire sagen), hören ihnen begeistert zu. Jene Gruppe stützt sich in ihrer Nahost-Politik auf die mächtigen Erdölinteressen; sie stützt sich publizistisch auf die zweitgrößte englische Tageszeitung (Daily Express), die drittgrößte Abendzeitung (Evening Standard) und die drittgrößte Sonntagszeitung (Sunday Express).