Von Heinrich David

Es ist nicht beabsichtigt, das überlieferte Systemder Unterrichtsfächer jetzt schon völlig umzustoßen", versichert der hessische Kultusminister Arno Hennig in seinem Erlaß III 071/1 – 56, der die mit Spannung erwarteten neuen Bildungspläne einleitet. Diese Bildungspläne sollen "die enzyklopädische Scheinbildung, jenes beziehungslose Nebeneinander zahlreicher Fächer und Wissensstoffe entschlossen beseitigen – auf die Gefahr hin, daß man Bildung mit abfragbarem Wissen verwechselt und die Ergebnisse der heutigen Schulbildung an dem mißt, was man selbst einmal in der Schule gelernt hat..."

An dem Schulwesen der Vergangenheit übt der Kultusminister scharfe Kritik. "Die bisherige Gestalt, Zielsetzung und Verfahrensweise der Schule oder einzelner Schularten mit dem Hinweis auf ihre Erfolge und ihr Ansehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verteidigen, ist vollends ein Mißverständnis: in einer seit damals so völlig veränderten Gesellschaft und Wirtschaft sprechen gerade jene Erfolge gegen ihre heutige Eignung." Darum also müßten nach und nach auch die bisherigen Schulfächer abgeschafft werden.

Abgeschafft – warum? Weil alles Althergebrachte schlecht und jede Neuerung gut ist. Oder weil Ordnung und Gliederung schließlich dem Stil des Massenzeitalters widersprechen. Soll die Schule vor der Atomisierung, der nur noch statistisch erfaßbaren Unordnung, kapitulieren? Der reformfreudige Kultusminister freilich gibt dem Chaos, das am Ende der von ihm. geforderten Entwicklung droht, den Anschein einer neuen Ordnung: die Bildungspläne sollen "die ... Umgestaltung des Fächersystems vorbereiten und fördern" durch "zusammenfassende Zielsetzungen für die derart zu Ganzheiten zusammenwachsenden Fächer", durch "Hinweise für die einzelnen Fächer in bezug auf jene Grenzbereiche", durch "Anordnung einer planmäßigen Zusammenarbeit der Lehrer" und "Ermöglichung gesamtunterrichtlicher Veranstaltungen ..."

Was sich hinter diesen reichlich dunklen Worten, deren geistiges Band schwer zu finden ist, verbirgt, das pflegen die Psychiater etwas unhöflich mit "Gedankenflucht" zu bezeichnen. Es ist keine einfache Zumutung für den Leser des kultusministeriellen Amtsblatts, sich die "zu Ganzheiten zusammenwachsenden Fächer" vorzustellen; selbst dann, wenn er sich die Polemik gegen den "oberflächlichen Enzyklopädismus" der bisherigen Schule zu eigen macht. Und diese Polemik ist schon blind für den ursprünglichen Sinn der enzyklopädischen Betrachtungsweise: die Zusammenschau aller Wissensgebiete in einem "Zyklus", der die Übergänge und Berührungspunkte, die enge Zusammengehörigkeit der "Fächer" sehr deutlich macht.

Worin soll nun die anti-enzyklopädische "Ganzheit" der kommenden Schulbildung bestehen? Vorerst in der "ungefächerten Naturbetrachtung", das soll heißen: der Zusammenfassung von Biologie, Chemie und Physik zu einem Unterrichtsfach "Naturkunde" in der Volksschule und einigen Klassen der höheren Schule. Weiter: in der "überfachlichen Bildungseinheit" von Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde, einem Unterrichtsfach "Weltkunde" in der Volksschul-Oberstufe und "Politische Bildung" in der Mittelschule. Die Verschmelzung dieser drei Fächer wird aber durch Anmerkungen zur Stundentafel wieder aufgehoben, aus denen hervorgeht, wie viele Wochenstunden von der Weltkunde oder der Politischen Bildung jeweils auf Geschichte, Erdkunde oder Sozialkunde entfallen sollen. Auch in den höheren Schulen bleibt die Selbständigkeit der drei Fächer erhalten.

Der ungefächerte "Gesamtunterricht", offenbar das Endziel der hessischen Reformen, bleibt den ersten vier Volksschuljahren vorbehalten. Das heißt: in der Grundschule soll es dem Klassenlehrer überlassen bleiben, von einem starren Stundenplan abzusehen und die Wissensgebiete nach eigenem Ermessen auf die Unterrichtsstunden zu verteilen. Nun, das war auch schon früher so.